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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Auf diese Stimmen fahren Deutsche ab

02.11.2015

Offenbach Am Main Ingrid Metz-Neun gehört zu den bekanntesten Frauen in Deutschland – doch kaum jemand kennt ihr Gesicht. Obwohl die 65-Jährige jeden Tag von Millionen Menschen wahrgenommen wird. Ihr Markenzeichen ist ihre Stimme. Und diese kündigt täglich Haltestellen und Umsteigemöglichkeiten in U-Bahnen, Straßenbahnen oder Bussen in Deutschland an.

Doch menschliche Ansagen für Haltestellen wie die von Metz-Neun könnten bald der Vergangenheit angehören: Denn Vorleseautomaten sind bei Verkehrsbetrieben der letzte Schrei.

„Nächster Halt: Hauptbahnhof.“ Seit fast vier Jahrzehnten spricht die 65-Jährige in ihrem Tonstudio in Offenbach am Main die Namen von Haltestellen ein. Ihre Stimme ist nach eigenen Angaben bei Verkehrsbetrieben etwa in Frankfurt, Köln, Düsseldorf, Magdeburg, Rostock und streckenweise auch in Berlin zu hören. Dazu dürften nach ihrer Schätzung noch etwa drei Dutzend weitere deutschsprachige Städte kommen.

Ingrid Metz-Neuns Stimme in Straßenbahnen und Bussen scheint bei einigen Fahrgästen auch andere Gefühle auszulösen. Über Jahre hinweg hat die Sprecherin Fanpost bekommen. „Der Postbote hat hier kistenweise Post abgeliefert“, sagt Metz-Neun, darunter zahlreiche Liebesbriefe mit „eindeutigen Angeboten“.

Von ihren Auftraggebern bekommt die Sprecherin eine Liste mit Haltestellen, die es möglichst freundlich betont einzusprechen gilt. „Das ist furchtbar dröge“, findet Metz-Neun. „Besonders schrecklich ist es, nach Hunderten eingesprochenen Straßennamen noch freundlich zu bleiben“, sagt sie lachend.

Ingo Ruff dagegen langweilt sich beim Einsprechen von Ortsnamen nicht. Der 50-Jährige verkörpert die Ansagestimme in den Regionalzügen der Deutschen Bahn. „Etwa 6000 Ansagen habe ich bisher gesprochen – und es macht immer noch Spaß“, sagt Ruff.

Täglich kündigt er im Schnitt rund fünf Millionen Fahrgästen den nächsten Halt an. Ins Tonstudio für neue Ansagen muss Ruff zum Fahrplanwechsel der Bahn im Frühjahr und Herbst. „Zwischen 50 und 300 neue Haltestellen muss ich zwei Mal pro Jahr einsprechen – je nachdem was anfällt“, sagt Ruff.

„Eine Ansage muss etwa drei bis viermal eingesprochen werden, bis sie wirklich sitzt“, erklärt Ruff. Danach werde die Ansage im Tonstudio optimal abgemischt, so dass die Fahrgäste diese auch bei Zuggeräuschen gut verstehen können. Bei einer Tochterfirma der Bahn werden die Audiodateien für die Regionalzüge programmiert und archiviert.

Ein Problem, das auch die Freiburger Verkehrs AG (VAG) kennt. „Bei kurzfristigen Umleitungen, beispielsweise durch Baustellen, brauchen wir möglichst schnell eine neue Ansage“, sagt Klaus Funke, bei der VAG zuständig für die Verkehrsplanung. Das Unternehmen behilft sich deswegen seit einigen Jahren mit einem Vorleseautomaten – einer Computersoftware, die Texte vorliest.

Zwar klingt die Computerstimme etwas blechern und abgehackt. Auch die Betonung der Haltestellen stimmt nicht immer. „Trotzdem werden wir unseren eigentlichen Sprecher mittelfristig ablösen müssen“, kündigt Klaus Funke an.

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