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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Hilfe für Notre-Dame aus Bayern

09.10.2019

Bamberg /Paris „Am Ende wird man über keine Kathe­drale so gut Bescheid wissen wie über Notre-Dame“, sagt Stephan Albrecht. Die Forschung werde profitieren von dem großen Unglück, dem Brand vor einem halben Jahr. Doch wann dieses Ende erreicht und die gotische Kathedrale wieder aufgebaut sein wird, darüber möchte der Bamberger Professor für Kunstgeschichte nicht spekulieren. Sicher ist, dass das Projekt ohne sein Team schwieriger werden würde. Denn Albrecht hat in den vergangenen Jahren mit weiteren Bamberger Professoren Teile von Notre-Dame mit Laserscannern dreidimensional erfasst.

Schon direkt nach dem Feuer am 15. und 16. April hatten die Forscher vom Bamberger Kompetenzzentrum für Denkmalwissenschaften und -technologien (KDWT) ihre Hilfe angeboten. Die Verantwortlichen in Frankreich nahmen sie dankend an. Erst im September war Albrecht in Paris bei einem Treffen zum Wiederaufbau. Weitere werden folgen, denn der Wissenschaftler gehört zwei Arbeitsgruppen an, die die Rekonstruktion begleiten sollen: jener für Digitalisierung und der zum Thema Holz – als einziger Nicht-Franzose.

„Einen richtigen Glücksfall“ nennt Albrecht die Scans an 50 verschiedenen Positionen in Notre-Dame – „auch wenn wir sie nicht für den Fall einer Zerstörung gemacht haben“. Herausgekommen ist eine äußerst detailreiche Betrachtung des besonders betroffenen Querhauses: Stein für Stein könne man später dann sehen, was verloren gegangen sei. Dafür braucht es natürlich einen weiteren Vergleichs-Scan, der ebenfalls von den Bamberger Wissenschaftlern gemacht werden könnte. Entschieden sei noch nichts. „Wir haben hier an der Uni aber einen Schwerpunkt zu diesem Thema – und damit auch die passende technische Ausstattung und die Fachleute.“

So gelang auch der ursprüngliche Scan, der zwischen 2012 und 2016 vor Ort entstand. Diese Arbeit ermöglicht es, überall quasi durch die Mauern zu schneiden, um etwa an bestimmten Stellen Wand- oder Gewölbestärken zu erheben. „Und wir haben die eingestürzten Gewölbe auf den Scans. Sie kann man anhand der Aufnahmen detailgenau rekonstruieren.“

Das wäre die einzig sinnvolle Lösung, ist der Kunsthistoriker überzeugt. „Die Gewölbe sind extrem komplex, kommen teils aus verschiedenen Jahrhunderten; da ist oft irrsinnig viel mittelalterliche Kalkschicht drauf.“ Dies müsse auch so wiederhergestellt werden, findet der Forscher. Alles andere, etwa ein Dachstuhl aus Stahl statt aus Holz, würde die Statik des Bauwerks beeinflussen.

Dazu kommt, dass die vielen Naturmaterialien Bauingenieure mit ihren Berechnungsmethoden an die Grenzen stoßen ließen, sagt Albrecht. Der Mörtel zwischen den Steinen sei etwa so angelegt, dass das Mauerwerk sich bewegen könne. Damit halte die Kathedrale dem teils extremen Winddruck stand. „Sie bewegt sich immer – und das wusste man im Mittelalter. Der Bau hat damit immerhin 850 Jahre gehalten; und ich möchte den Wolkenkratzer sehen, der 850 Jahre hält.“

Der Wissenschaftler hat „viel Demut“ vor den Baukünsten der damaligen Zeit: „Die wussten, was sie machen.“ Das alles gelte es nachzuvollziehen und dann den Wiederaufbau zu planen. Mit mindestens drei Jahren intensiver Begleitung rechnet Albrecht. Zudem erwartet er wichtige Erkenntnisse für die Forschung. So gebe es durch den Brand Risse in den Wänden, die man nie geschlagen hätte. „Aber wenn sie eh da sind, schaut man natürlich auch rein.“

Bis dahin sei es aber noch ein weiter Weg. Zunächst müsse sich Notre-Dame wieder zusammenziehen, also austrocknen. Zudem verhindere die hohe Bleikonzentration im Inneren der Kathedrale durch die geschmolzenen Dächer, dass abgestürzte Teile geborgen werden können. Daher gilt laut Albrecht: „Notre-Dame muss jetzt erst mal dekontaminiert werden.“

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