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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Die Qual der viel zu vielen Fragen

16.09.2019

Berlin „Tante Elli, weißt du noch, wer ich bin?“ „Ach Oma, das ist doch keine Gabel.“ „Komm Papa, wir machen jetzt mal Gehirntraining.“ Sätze wie diese prasseln zu Tausenden auf demenzkranke Menschen ein. Sie mögen gut gemeint sein – für die Betroffenen können sie aber zur Qual werden. „Mit solchen Bemerkungen werden sie darauf hingewiesen, was sie alles nicht mehr können, nicht mehr wissen“, sagt Eva Leistra, Koordinatorin der Demenzdienste beim Malteser Hilfsdienst im Bistum Münster.

Um sich ihren Stolz und ihre Würde zu bewahren, versuchten Demente mit aller Macht, Verluste zu verbergen, erklärt Markus Proske, seit Jahren Demenzberater. Kontrollfragen und Korrekturen machten diese Mühen zunichte. Jeder, der Kontakt zu Dementen habe, solle eines verinnerlichen: „Es macht keinen Sinn, den Betroffenen wieder in die eigene Welt zurückholen zu wollen. Respektieren Sie ihn, begleiten Sie ihn in seine Welt.“

1,7 Millionen Menschen in Deutschland haben nach Schätzungen der Alzheimer Gesellschaft eine Demenz, gut zwei Drittel davon Alzheimer. Gut 300 000 Neuerkrankungen gibt es derzeit jährlich, mehr als 800 täglich. Bis 2050 wird wegen der steigenden Lebenserwartung mit drei Millionen Demenzpatienten bundesweit gerechnet. Bislang ist die mit massivem Zellschwund im Gehirn einhergehende Krankheit unheilbar.

„Demenz ist ein Prozess“, betont Proske zum Welt-Alzheimertag am 21. September. „In der Anfangsphase reflektiert jeder Betroffene, dass etwas nicht stimmt.“ Er sei dann ohnehin in einem emotionalen Notstand, voller Scham, verzweifelt. „Und dann wird er wie ein Kind abgefragt oder korrigiert“, so Proske. „Das ist oft sehr erniedrigend.“ Was also tun, wenn die Oma auf die Gabel zeigt und sagt: „Gib mir den Löffel“? Experten wie Proske und Leistra raten, den gemeinten Gegenstand auszuhändigen, ohne den Fehler zu kommentieren.

Verhalte sich ein Demenzkranker aggressiver als vor der Erkrankung, liege das – von seltenen Sonderformen abgesehen – oft am unsensiblen Umgang mit ihm. Ein klassisches Beispiel sei der Vorwurf, man habe sich die ganze letzte Woche nicht einmal gemeldet, erklärt Leistra. „Wenn Sie dem Demenzkranken widersprechen, weil Sie doch erst gestern mit ihm telefoniert haben, kann das in bösem Streit enden.“ Besser sei es, dem auszuweichen, etwa mit einem Satz wie: „Oh Mama, hast du mich so vermisst?“, und den Betroffenen lieb in den Arm zu nehmen.

Proske sagt: „Wir müssen uns klar machen: Alles, was ein dementer Mensch macht, hat einen tieferen Grund.“ Wenn auch nicht für uns, für ihn selbst sei er vollkommen schlüssig.

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