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NWZonline.de Nachrichten Panorama

In der DDR geboren – nach 1989 ein Star

19.10.2019

Berlin Ausgerechnet im ausgesprochen westdeutschen Münster, der katholisch geprägten Universitätsstadt in Westfalen, gehört Jan Josef Liefers zum „Tatort“-Team. Geboren wurde der Schauspieler vor 55 Jahren auf der anderen Seite der Republik, in Dresden, in einem Land, das es heute nicht mehr gibt: in der DDR. Liefers gehört heute zu den beliebtesten TV-Promis. Und es fällt 30 Jahre nach dem Mauerfall auf, dass viele von Deutschlands populärsten Film- und Fernsehstars aus dem Osten kommen.

Sehr gut ausgebildet

Eine gängige These lautet, dass Deutschlands Politik und Wirtschaft von Wessis dominiert würden. Als Gegenentwurf dazu ließe sich die These aufstellen, dass viele der bekanntesten Gesichter und Stimmen der Unterhaltungsbranche aus dem Osten Deutschlands stammen.

Es geht hier nicht um ausgebürgerte oder übergesiedelte Promis wie Manfred Krug, Winfried Glatzeder und Nina Hagen und auch nicht um die früheren Stars des DFF, des staatlichen DDR-Fernsehens, also Leute wie Wolfgang Lippert, Karsten Speck und Gunther Emmerlich, die mehr oder weniger auch Karriere im wiedervereinigten Deutschland machten.

Die Rede soll hier sein von Menschen, die ihre ersten Jahrzehnte oder auch nur Kinderjahre in der DDR erlebten und nach der Wende und Wiedervereinigung gesamtdeutsch oder gar international durchstarteten. In der Musikbranche gehören dazu die Musiker von Rammstein, Tim Bendzko, der Rapper Sido und die Magdeburger Zwillinge Bill und Tom Kaulitz von Tokio Hotel, bei den Fernsehmoderatorinnen und -moderatoren Inka Bause, Carmen Nebel und Kai Pflaume.

Eine Liste von bekannten ostdeutschen Schauspielerinnen und Schauspielern gerät rasch sehr lang: Neben Jan Josef Liefers gehören auch dessen Frau Anna Loos sowie die gebürtigen Dresdner Claudia Michelsen, Cornelia Gröschel und Martin Brambach dazu, ebenso die bei Potsdam aufgewachsenen Schwestern Anja Kling und Gerit Kling, die in Erfurt geborene Yvonne Catterfeld oder auch Sandra Hüller und Corinna Harfouch, die beide im thüringischen Suhl geboren wurden.

Aus Leipzig stammen Maria Simon und Simone Thomalla, Sven Martinek dagegen kommt aus Magdeburg und Sylvester Groth aus Jerichow in Sachsen-Anhalt. Charly Hübner kam in Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern zur Welt, Devid Striesow in Bergen auf Rügen und Matthias Schweighöfer in Anklam nahe Usedom.

Anfang der 80er Jahre in Ost-Berlin geboren wurden Filmstars wie Karoline Herfurth, Tom Schilling, Alexander Fehling, Friedrich Mücke und Nora Tschirner. Zur Wende schon Teenager oder älter waren die gebürtigen Ost-Berliner Jördis Triebel, Ronald Zehrfeld, Fritzi Haberlandt, Milan Peschel, Lina Wendel und Pierre Sanoussi-Bliss.

Schon zu DDR-Zeiten ein Theaterstar waren Michael Gwisdek und Peter Kurth, ebenso wie der spätere „Landarzt“ Walter Plathe und „In aller Freundschaft“-Chefarzt Thomas Rühmann. Die in Franken ermittelnde „Tatort“-Kommissarin Dagmar Manzel spielte eine unglücklich Verliebte im Defa-Schwulendrama „Coming Out“, das am Abend des Mauerfalls 1989 in Berlin (Ost) Premiere feierte.

„Nach der Wende wurden viele handwerklich sehr gut ausgebildete Ostschauspieler zu extrem niedrigen Gagen eingekauft“, erklärt die in der DDR geborene Künstleragentin und Managerin Ute Bergien in Berlin. „Das war für viele derjenigen, die heute prominent sind, ein Einstiegsgarant, ohne den so manche Karriere anders verlaufen wäre.“ Die Schauspielerausbildung der DDR an nur wenigen Stellen wie der renommierten Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und der Potsdamer Filmhochschule HFF (heute Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf) sei streng reglementiert, aber eben auch exzellent gewesen.

Filme über die DDR

Der Schauspieler Thorsten Merten, bekannt geworden mit Filmen von Andreas Dresen („Halbe Treppe“, „Halt auf freier Strecke“), erläutert seine Vermutung zum Thema: „Auf Bildschirm und Leinwand entsteht der Eindruck, dass Schauspieler mit ostdeutschem Geburtsort nicht so unterrepräsentiert sind, wie wir es von Berufen in anderen Bereichen kennen. Das könnte daran liegen, dass ein Schauspieler kein großes Erbe oder elterliches Netzwerk braucht, sondern nur sich und sein Talent.“ Und vielleicht liege es auch daran, sagt der im thüringischen Ruhla geborene Merten, dass in den vergangenen 30 Jahren unzählige Drehbücher über die DDR verfilmt wurden. „Diese manchmal mehr, oft auch weniger gelungenen Storys bedurften auch einer Beglaubigung durch ostdeutsche Gesichter.“

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