Berlin - Dem ersten Augenschein nach mögen „links“ und „rechts“ neutrale Seitenbezeichnungen sein. Doch wer tiefer blickt, wird hinter den vermeintlich urteilsfreien Begriffen eine Reihe klarer Wertungen erkennen. Rechts gilt im deutschen Sprachgebrauch als gut und stark, links hingegen als eher schlecht.
„Rechtschaffen“ zu sein und den „rechten Weg“ zu beschreiten, erscheint den meisten Menschen erstrebenswerter, als „linkisch“ zu sein. Links liegen gelassen zu werden, ist wohl schmerzhafter als zur Rechten Platz nehmen zu dürfen. Wer zwei linke Hände hat, wird es handwerklich wahrscheinlich niemandem recht machen können.
„Schon bei den eher vernunftgeleiteten alten Griechen galt links als die Unglücksseite“, sagt Johanna Barbara Sattler, Leiterin der Ersten deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder. Sattler kämpft seit Langem für einen bewussteren Umgang mit Linkshändern. „Linkshändern und ihren Nachteilen in verschiedenen Lebensbereichen wird kaum Aufmerksamkeit zuteil“, beklagt die Expertin, die seit den 1980er Jahren zum Thema forscht.
Tag der Linkshänder
Der Internationale Tag der Linkshänder am 13. August soll auf die Probleme aufmerksam machen und Verständnis für die oft unter Vorurteilen leidenden Betroffenen wecken. Viele Menschen würden ihre Linkshändigkeit unterdrücken, da sie durch Nachahmung im Kindesalter oder durch bewusste Umschulung auf die rechte Hand in eine „Falschhändigkeit“ gingen, erklärt Sattler. Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sowie Probleme mit der Feinmotorik könnten die Folgen sein. „Die Menschen brauchen beispielsweise mehr Kraft und Zeit beim Lösen von Aufgaben“, so Sattler.
Mit solchen Problemen hatte auch Psychologin Marina Neumann während ihrer Schulzeit zu kämpfen. Anderen Kindern gehe es ähnlich, vermutet Neumann. „Viele unterdrückte linkshändige Kinder, auch wenn sie intelligent sind, kommen in der Schule nicht gut mit. Sie können sich zum Beispiel nur schwer konzentrieren, haben feinmotorische Probleme beim Schreiben.“
Rückbildung möglich
Dass bei Kindern mit Lern- und Leistungsproblemen nie eine unterdrückte Linkshändigkeit in Betracht gezogen werde, sei diskriminierend und missachtend, findet Neumann. Menschen, die ihre Linkshändigkeit unterdrücken mussten, können auch noch im Erwachsenenalter das Schreiben mit ihrer angeborenen dominanten linken Hand erlernen. „Auf die eigene starke Hand zurückzugehen ist eine Bereicherung und Befreiung“, berichtet Neumann aus eigener Erfahrung. Sie unterstützt deswegen Kinder, Jugendliche und Erwachsene bei der Rückschulung auf ihre dominante linke Hand.
