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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Darf man noch Michael Jackson hören?

08.03.2019

Berlin Der norwegische Rundfunk NRK war einer der Ersten: Songs von Michael Jackson würden für zwei Wochen aus dem Programm verschwinden, hieß es zunächst aus Oslo. Radiosender in Neuseeland und Kanada zogen mit. Nach der Dokumentation zu Missbrauchsvorwürfen gegen Jackson bekommen seine Hits wie „Thriller“ und „Billie Jean“ einen bitteren Beigeschmack. Die Frage, ob sich ein Werk vom Künstler trennen lässt, stellt sich nun auch bei einem der berühmtesten und erfolgreichsten Stars der Musikgeschichte.

Titel des „King of Pop“ bedeuten einigen Fans bis heute die Welt, andere geraten beim R&B von Sänger R. Kelly ins Träumen. Die Menschen schwärmen für Woody Allens Liebeskomödien, fiebern Kevin Spacey auf der Kinoleinwand entgegen und nennen „Pulp Fiction“ von Produzent Harvey Weinstein ihren Lieblingsfilm. Die Comedians Bill Cosby und Louis C.K. galten als zwei der besten ihrer jeweiligen Generation. Gehört das Werk dieser Künstler nach Vorwürfen, Ermittlungen oder gar Verurteilungen wegen sexueller Übergriffe verbannt und weggesperrt?

Keineswegs, argumentiert Kritikerin Josephine Livingstone. Filme von Woody Allen oder Roman Polanski seien Geschenke an sie und die Welt der Kultur, schrieb sie in der „New Republic“ –„und ich werde sie niemals zurückgeben“. Nicht Allen und Polanski verfügten über die Interpretation ihrer Filme und das Vermächtnis ihrer Kunst, sondern das Publikum. Livingstone schlägt sich damit auf die Seite des französischen Literaturkritikers Roland Barthes, der 1967 den „Tod des Autors“ verkündet hatte.

Aber Jackson war ein Gesamtkunstwerk. Die Locken, der weiße Glitzerhandschuh, der schwerelos wirkende Tanz – für kreischende Massen wuchs der Sänger aus Gary (Indiana) zur gottähnlichen Gestalt heran. Fans bekamen das Gefühl, ihn seit Kindheitstagen mit den Jackson 5 und durch Musikrekorde und Klatsch-Schlagzeilen begleitet zu haben. Die gefühlte Bindung zu Michael Jackson sei in der Geschichte des US-Entertainment unübertroffen, meint Wesley Morris von der „New York Times“. Und Jacksons Musik ist auch zehn Jahre nach seinem Tod zumindest in der westlichen Kultur allgegenwärtig.

Die großen deutschen öffentlich-rechtlichen Sender WDR, NDR, SWR und BR wollen Titel des „King of Pop“ vorerst auch nicht aus dem Programm streichen, das Thema aber beobachten. Der norwegische Rundfunk NRK ruderte nach Kritik übrigens zurück. Rundfunkchef Thor Gjermund Eriksen sagte: „Wir müssen zwischen Kunst und Künstler unterscheiden.“ Auch Antenne Niedersachsen will die Reaktion der Hörer mit in den Entscheidungsprozess nehmen. „Sollten sich die Vorwürfe erhärten oder neue Details bekannt werden, so werden wir hier intern sicherlich über unser Vorgehen beraten“, sagte Programmdirektor Carsten Hoyer.

Auch die Bundeskunsthalle in Bonn hält an ihrer am 22. März 2019 öffnenden Ausstellung fest, die sich mit Jacksons Einfluss auf die zeitgenössische bildende Kunst befasst.

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