Berlin - Ein Werbevideo der Band Rammstein sorgt für Empörung. Eine Inszenierung als „todgeweihte KZ-Häftlinge stellt die Überschreitung einer roten Linie dar“, sagte jetzt der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein. Wenn dies rein verkaufsfördernd sein solle, handle es sich um eine „geschmacklose Ausnutzung der Kunstfreiheit“.

Zuvor hatte Videokünstler Specter den 35-sekündigen Clip auf Instagram veröffentlicht: Die Mitglieder von Rammstein stehen darin mit Stricken um den Hals auf einem Galgen. Ihre Kleidung erinnert an die Bekleidung der Insassen von NS-Konzentrationslagern.

Am Ende steht die Einblendung „Deutschland“ sowie das Datum vom Donnerstag in römischen Ziffern. Medien und Fans deuten dies als Hinweis auf ein neues Album oder eine neue Single der Gruppe. Laut offiziellem Youtube-Kanal von Rammstein sollte das vollständige Video ab 18.00 Uhr zu sehen sein.

Der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller, lud die Musiker nach Dachau ein. „Das Leid und die Unmenschlichkeit des Holocaust verbieten sich für Werbezwecke oder Effekthascherei“, betonte er in München. Da jedoch noch nicht klar sei, welchen Hintergrund die Darstellung in dem kurzen Video habe, wolle er noch kein abschließendes Urteil abgeben. Er würde sich wünschen, dass die auch „international äußerst bekannte Band“ etwas Sinnvolles „zur Aufarbeitung der geschichtlichen Verantwortung“ beitrage, so Freller, der für die beiden bayerischen KZ-Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg verantwortlich ist.

Popkultur-Experte und Buchautor Michael Behrendt sprach sich gegen eine „reflexhafte“ Kritik aus. „Wer Rammstein kennt, weiß, dass sie nicht in die rechte Ecke gehören“, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Die aktuelle Empörung sei insofern verfrüht, als noch niemand das vollständige Lied und das dazugehörige Video kenne. Dass die Band im Werbeclip ihre eigene Hinrichtung erwarte, könnte man auch als Kommentar ihres Images interpretieren, so Behrendt. Und: „In der heutigen Zeit, in der der Rechtspopulismus erstarkt, könnte die Darstellung auch darauf abzielen, diese Entwicklung zu kritisieren – und an vergangene Schrecken zu erinnern.“

Die Sprecherin der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem rief zu einem verantwortlichen Umgang mit der Erinnerung an die ermordeten Juden auf. Yad Vashem kritisiere „nicht generell künstlerische Arbeiten, die an Holocaust-Bilder erinnern“, sagte sie. Respektvolle künstlerische Darstellungen könnten legitim sein. Sie dürften die Erinnerung an den Holocaust jedoch keinesfalls beleidigen, herabsetzen oder schänden – und nicht nur als „bloßes Werkzeug“ dienen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.