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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Wissenschaft: Warum Küssen für Menschen wichtig ist

01.07.2020

Berlin Der Puls beschleunigt sich, der Blutdruck steigt, die Wangen werden rot. Ein wahrer Hormon-Cocktail flutet den Körper. Die körperlichen Auswirkungen von Küssen sind gut erforscht. Mit dem 6. Juli gibt es sogar einen Internationalen Tag des Kusses. Und dennoch wird die jahrtausendealte Kulturpraxis zu wenig beachtet – meint zumindest der Psychologe und Buchautor Wolfgang Krüger.

„Küssen wird in der Öffentlichkeit meist behandelt wie die kleine Schwester der Sexualität. Dabei ist sie das nicht – im Gegenteil, Küssen ist für Paare viel wichtiger“, sagt Krüger. Es sei ein Spiegelbild für den Zustand einer Beziehung. Viele Paare würden sich zwar Sorgen machen, dass ihre Sexualität einschlafe. Das erste Indiz für Beziehungsprobleme seien aber fehlende Küsse.

„Das mag vielleicht seltsam klingen, aber Küssen ist etwas viel Intimeres als Sex. Sexualität kann sehr distanziert sein, indem ein Programm abgespult wird“, sagt Krüger. Beim Küssen müsse man sich dagegen auf sein Gegenüber einlassen, spüre sein Tempo, Geruch und Geschmack. „Beim Küssen merkt man, ob das Gegenüber einfühlsam ist. Gleichzeitig gehört zu einem guten Kuss Leidenschaft und die Fähigkeit, sich zu steigern.“

Ob flüchtiges Gute-Nacht-Bussi oder romantisches Knutschen bei einem Date – durchschnittlich küssen Menschen etwa zwei bis drei Mal am Tag. Wer 70 Jahre alt wird, hat etwa 76 Tage seines Lebens mit Küssen verbracht, meint Krüger. Begrüßungsküsse unter Freunden, wie sie in Frankreich oder Italien üblich sind, würden auch in Deutschland immer häufiger.

Wer annimmt, dass Küssen in allen Teilen der Welt verbreitet sei, hat weit gefehlt. Eine Studie des Kinsey Instituts an der Indiana University ist 2015 zu dem Ergebnis gekommen, dass romantisches Küssen nur bei 46 Prozent der 168 untersuchten Kulturen verbreitet ist. Insbesondere im Mittleren Osten, in Nordamerika und Europa werden demnach Bussis verteilt. Bei afrikanischen Kulturen südlich der Sahara, auf Neuguinea oder in Zentralamerika spiele der mit Liebe und Sexualität verbundene Kuss eher keine Rolle.

Die Studie ist nur eine von vielen wissenschaftlichen Untersuchungen rund ums Küssen. Mit der Philematologie gibt es sogar einen Wissenschaftszweig, der sich mit dem Knutschen beschäftigt. Schon in den 1960er Jahren hat eine deutsche Studie erstaunliche Ergebnisse zutage gefördert. Ehemänner, die ihrer Frau morgens einen Abschiedskuss geben, leben demnach durchschnittlich fünf Jahre länger. Neuere Studien haben herausgefunden, dass die meisten Küsser ihren Kopf nach rechts neigen und dass Küssen Heuschnupfen und Dermatitis verringern kann.

Warum Menschen mit dem Küssen angefangen haben, ist dagegen nicht abschließend geklärt. Der verstorbene Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt vermutete dahinter einen wenig romantischen Grund: Die frühen Menschen hätten Nahrung vorgekaut und sie ihrem Nachwuchs in den Mund geschoben. Andere Forscher meinen dagegen, dass sich unsere Vorfahren ähnlich wie Tiere im Intimbereich beschnüffelt hätten – und ihre Kontaktversuche mit der aufrechten Haltung nach oben verlagert hätten.

Heute ist bekannt, dass sich auch einige Tiere küssen. Affen und einige Fisch-Arten pressen ihre Münder gegeneinander. Das sei dennoch etwas ganz anderes als beim Menschen, ist sich Wolfgang Krüger sicher. Für diesen seien Kussrituale vor dem Einschlafen genauso wichtig wie leidenschaftliche Küsse.

Und wie sieht es mit dem Knutschen in Zeiten von Corona aus? Krüger beobachtet in Therapiesitzungen bei Paaren zwei gegenläufige Auswirkungen. „Manche reden viel mehr miteinander und küssen sich auch häufiger.“ Andere kämen mit der Zwangsnähe dagegen nicht klar, stritten sich und hätten keinen Körperkontakt mehr. „Das ist ein Problem. Eine Beziehung, in der nicht mehr geküsst wird, hat den Charme einer Jugendherberge“, sagt Krüger. Sein Tipp: Paare sollen sich küssen, „bis ihnen vor Leidenschaft der Kopf wegfliegt“.

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