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NWZonline.de Nachrichten Panorama

So wütete der Tornado in Bocholt

06.06.2019

Bocholt Gerade will sie das Dachfenster schließen, weil es draußen kräftig stürmt, da kracht es gewaltig. Eine umherwirbelnde Dachpfanne zerschlägt das Glas, Rebecca Schnelting steht in einem Meer aus Scherben. „Das war wie eine Bombe“, sagt sie am Tag danach noch immer fassungslos von den nächtlichen Geschehnissen. In dem Straßenzug, in dem sie mit ihrer Familie wohnt, hat ein Tornado gewütet. Experten zufolge erreichte die Windhose ein Tempo von 181 bis 253 Stundenkilometer – und damit eine zerstörerische Kraft.

Als Schnelting nach dem stürmischen Getöse vor die Tür tritt, beginnt sie zu ahnen: „Uns hat es gar nicht so schlimm getroffen wie andere. Du guckst raus und alles ist zertrümmert.“ Das Dach gegenüber hat es weggerissen. Neun Häuser sind beschädigt. Überall Dachziegel, kaputte Autos. „Als wir eintrafen, hatte ich das Gefühl, das sind kriegsähnliche Zustände“, schildert Feuerwehr-Einsatzleiter Dirk Vriesen den Anblick. Betroffen ist vor allem ein etwa 300 Meter langer Straßenzug mit älteren Reihenhäusern aus für die Region typischem roten Backstein.

Ein Auto muss wie Spielzeug zehn Meter weit durch die Luft geflogen und mit dem Dach voraus in einen anderen Wagen gekracht sein. Auch einen Wohnwagen hatte es quer über die Straße getragen. Es wurden Bäume entwurzelt, sie krachten in Wintergärten und Terrassendächer. „Es gibt Fenster, die sind allein durch den Luftdruck aus den Rahmen gesprungen“, sagt Vriesen.

Es sind diese Bilder und Berichte, die auch die Wetterexperten aufhorchen lassen. Andreas Friedrich, Tornadobeauftragter des Deutschen Wetterdienstes (DWD), bestätigt: „Die Schäden, die wir da gesehen haben, können nur durch einen Tornado verursacht worden sein.“ In Zusammenarbeit mit Experten der europaweiten Datenbank für solche Wetterphänomene ESWD (European Severe Weather Database) seien Schadensbilder analysiert und mit Augenzeugenberichten abgeglichen worden. Es handele sich um einen Tornado der Stufe F2 – „mittelstark“ ordnet Friedrich ein.

Windhosen dieser Stärke haben zuletzt mehrfach für Aufsehen gesorgt: Im Mai 2018 fegte ein Tornado durch einen Ortsteil von Viersen am Niederrhein und richtete einen Millionenschaden an. Vor knapp drei Monaten schlug ein Tornado eine Schneise der Verwüstung im Eifel-Örtchen Roetgen, mehrere Menschen wurden leicht verletzt. 2018 verzeichnete der DWD bundesweit bestätigte 17 Tornados, vier ereigneten sich in NRW. Die Dunkelziffern dürften weit darüber liegen, für eine genaue Radarmessung sind die Tornados laut DWD aber zu klein. Sie entstehen meist unter einer tiefen Wolkenbasis.

Für Feuerwehr, Handwerker und Anwohner haben die Aufräumarbeiten längst begonnen. „Das Haus ohne Dach haben wir provisorisch mit einer großen Plane gesichert“, sagt Vriesen. Dann muss er weiter: „Wir haben ja schon das nächste Unwetter im Anmarsch“, sagt er. In der Tat sieht der DWD in der Nacht wieder Unwetter auf Nordrhein-Westfalen zurollen: Schwere Gewitter mit Starkregen, Sturmböen und Hagel drohen vor allem im Westen des Landes, sagt Frank Balmert vom DWD.


Eine Bilderstrecke vom Tornado unter   www.nwzonline.de/fotos 
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