BRIESKOW-FINKENHEERD - Die Mutter sei eine Musterschülerin gewesen, erinnert sich der Bürgermeister. Auch über die Eltern wird gut gesprochen.

Von Christina Wandt

BRIESKOW-FINKENHEERD - Nach dem Fund von neun Babyleichen in der Gemeinde Brieskow-Finkenheerd wird dort weiter gesucht – nach Spuren und Motiven. Über Nacht hat das Dorf jene Berühmtheit erlangt, die so viel ärger ist als jahrzehntelange Nichtbeachtung. Und nun sollen die 2700 Bewohner auch noch eine Frage beantworten, an der Kriminalisten und Psychologen verzweifeln: Warum bringt eine Frau im Laufe der Jahre neun Neugeborene um, verscharrt sie in Blumenkästen, die sie bei ihren Umzügen mitnimmt, bevor sie sie schließlich dort abstellt, wo sie nun gefunden wurden: in einem Schuppen auf dem Grundstück Bahnhofsstraße 22 in Brieskow-Finkenheerd.

Dieses Grundstück ist das Zuhause ihrer Mutter und ihrer Schwester, und seit Sonntag ist es gebrandmarkt, auch wenn es nicht Tatort, sondern „nur“ Fundort war. Was man vom Zaun aus sieht, rechtfertigt nicht die Rede vom „Horror-Haus“: Es sieht proper aus, der Garten ist gepflegt. Die Bewohner können nicht verhindern, dass ihr Heim mit den Insignien eines Katastrophenschauplatzes geschmückt wird: Vor dem Gartentor wurden Blumen abgelegt, am Zaun lehnt ein Schild: „Warum, warum, warum – wir trauern.“

„Schlimm muss das sein für die Leute da drinnen“, meint ein Passant. Er habe Sabine H. nicht erlebt“, weil er „viel auf Montage“ war, als sie noch im Dorf lebte. Ihr verstorbener Vater sei „ein ganz vernünftiger Kerl“ gewesen, die Mutter „eine nette Frau“. Auch Bürgermeister Ralf Theurer sagt: „Alle, die Sabine H. früher kannten, können es nicht verstehen. Sie hat die Schule mit Auszeichnung verlassen, sie hatte alle Chancen!“

Im nahen Frankfurt/Oder versucht Staatsanwältin Annette Bargenda, die die 39-jährige Sabine H. vernommen hat, die Motive zu klären. Die Beschuldigte habe von Abtreibung wie von Verhütung „wenig gehalten“. Sie hätte es „peinlich“ gefunden, die Kinder zur Adoption frei zu geben. Bei den Geburten sei sie betrunken gewesen, erst zur Besinnung gekommen, nachdem sie die Leichen in den Blumenkästen verscharrt hatte, dann habe sie sich oft auf den Balkon gesetzt, um „den Kindern nah zu sein“. Entrüstet habe sie Bargenda gefragt: „Glauben Sie, ich wollte meinen Kinder Gewalt antun?“ Glaubt man Frankfurts Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU), hat sie zumindest ihren drei Kindern Stefanie (20), Danny (19) und Ivo (18) nichts angetan.

Die Ermittlungen gegen Sabine H. gingen gestern unterdessen mit Hochdruck weiter. Eine frühere Wohnung der Frau in Eisenhüttenstadt (Brandenburg) sei mit Spürhunden durchsucht worden. Sie hätten jedoch nichts gefunden, berichtete die Polizei.