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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Eva Cordes - Kostümschneiderin: Mit Nadel und Faden durch Saum und Zeit

11.07.2020

Rastede Es ist heiß an diesem Sommertag. Eva Cordes wirbelt in einem luftigleichten Kleid durch den Garten in ihr Atelier. Selbstgenäht? – „Dafür hab ich keine Zeit“, sagt sie und lacht. Ihr Terminkalender ist gut gefüllt. Gerade arbeitet sie an einem Auftrag für ein großes regionales Museum. Sie soll Gewänder für museumspädagogische Zwecke herstellen, die es den Besuchern ermöglichen, sprichwörtlich in eine andere Zeit zu schlüpfen. Mehr möchte sie im Augenblick noch nicht verraten. Aber spätestens, wenn Corona endlich wieder die Bühne frei gibt für derartige Veranstaltungen, werden ihre Kostüme ganz sicher für Begeisterung sorgen!

Ideenreiche Kreationen

„Cordez“ hat sie ihre kleine Manufaktur in Rastede genannt. Einfach, „weil es ein bisschen temperamentvoller klingt.“ Diese Leidenschaft spiegelt sich in allen Kreationen. Es sind nicht nur die authentischen Nachbildungen historischer Originale. Eva Cordes sprüht vor Ideen. Gern greift sie in ihren Entwürfen Vorbilder aus früheren Zeiten auf, um daraus ihr eigenes, unverwechselbares Design zu machen. Da gibt es fantasievolle Traumgewänder für Elfen und Fabelwesen. Aber auch fast schon vergessene Hutformen, die durch die kreative Hand der Künstlerin und funktionelle Materialien ein ganz neues, topmodisches Comeback erleben. Zum Beispiel der lässige Knautschzylinder, „Quax“, die tollkühne Fliegerhaube für‘s Cabrio oder der von ihr patentierte, bei Wind und Wetter einfach unentbehrliche „Nordwester“, der mit viel Chic und Charme an den legendären „Südwester“ der Seeleute anknüpft. „Es macht mir einfach Spaß, immer wieder Neues auszuprobieren!“

Eigentlich, so Cordes, wollte sie Maskenbildnerin am Theater werden. Dieser Traum scheiterte jedoch an den Ausbildungsplätzen, „da gab es lange Wartelisten.“ Das Theater, der Zirkus, Mantel- und Degenfilme oder Fantasy – „andere Welten“ waren schon immer ihr Ding. Und dann natürlich kultige Events wie das „Mittelalterlich Phantasie Spectaculum“ in Rastede! Hier begann ihre jetzige Karriere. Inspiriert von den fantastischen Kostümen der Ritter, Gaukler und Edelfräulein griff sie selbst zu Nadel und Faden und schneiderte sich ihr erstes mittelalterliches Kleid. Der Funken zündete. Irgendwann hatte sie einen eigenen Marktstand auf dem Szenetreff, wo sie neben handgefertigten Gewandungen auch stilechte Kopfbedeckungen und Fußbekleidungen „feilbot“. Es folgten Aufträge von Museen, Künstlern, Theaterbühnen, Festspielbetreibern und sogar den Babelsberger Filmstudios. Kurz gesagt, ihre außergewöhnlichen Schöpfungen kamen so gut an, dass sie 2018 beschloss, ihren Beruf als Ergotherapeutin an den Nagel zu hängen und sich ganz dem Kunsthandwerk zu widmen.

In ihrer Werkstatt stapelt sich das Material, mit dem sie sich durch alle Zeitepochen und Kulturen schneidert, bis unter die Decke. Ein buntes Sammelsurium an ausgefallenen Stoffen, Accessoires und Kuriositäten. Neben dem handwerklichen Können erfordert ihre Arbeit aufwendige Recherchen und das Wissen um historische Hintergründe. Denn Mode, so die Designerin, sei immer auch ein politisches Thema gewesen. Oft spiegelte sie die Ständeordnung der Gesellschaft wider. Teuer zu erzeugende Stoffe oder Farben wie Rot waren im Mittelalter allein der Oberschicht vorbehalten, eine strenge Kleiderordnung regelte die Abgrenzung zum einfachen Volk. All das gilt es zu berücksichtigen. Leider sind keine Schnittmuster aus jener Zeit überliefert. Eva Cordes orientiert sich bei ihren Entwürfen deshalb an alten Büchern und Gemälden.

Mittelalterliche „Highheels“

Manchmal wirft sie auch einen Blick in den Fundus der Museen. Für die Sonderausstellung „Schuhtick“ im Bremer Überseemuseum zum Beispiel sollte sie zu Demonstrationszwecken chinesische Schuhe aus der Mandschu-Dynastie nachbilden. Die hohen Sohlen sollten einen trippelnden Gang bewirken. „Ich durfte einige Original Exponate mit Glacéhandschuhen anfassen und schauen, wie wurden sie früher tatsächlich gearbeitet, welches Material wurde verwendet, wie sitzen die Nähte,“ erinnert sie sich. Bei den Stelzpantoffeln, wie man sie im 15. Jahrhundert in Italien und Spanien trug, erreichten die Sohlen sogar schwindelerregende Höhen von über einem halben Meter, weiß Cordes, „die Damen mussten links und rechts gestützt werden, um nicht umzukippen!“

Jedes Stück habe seine eigene Geschichte, plaudert sie weiter aus dem Nähkästchen. Wie das spektakuläre Kleid in Feuerrot. Sie hat es für einen Aktfotografen entworfen. Er brauchte es für eine Fotostrecke, die auf einer Burgruine in einem spanischen Bergdorf stattfinden sollte. „Die Leute dort sind erzkatholisch. Und er war der Meinung, dass er seine Models nicht splitterfasernackt herumlaufen lassen konnte. Erotisch sollte es trotzdem sein.“ Eva Cordes dachte an die spanische Hofmode des 16. Jahrhunderts. Frech verkehrte sie den hoch geschlossenen Kragen ins Gegenteil . . . und ließ den Ausschnitt bis zum Bauchnabel offen. – Der absolute Knaller! „Der Fotograf bekam seine Fotos und ich durfte das Kleid für Werbezwecke behalten – das war unser Deal!“ Sie schmunzelt.

Inzwischen ist ihr Atelier eine bekannte Adresse in der Szene, ob in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Auch viele Privatleute kommen, um sich mit einem originellen Gewand mal in eine andere Rolle, in eine andere Welt zu versetzen. Für die Rasteder Designerin gibt es nichts Schöneres, als ihren Kunden diesen Traum auf den Leib zu schneidern . . .

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