Hannover/Darmstadt - Adelige üben aus Sicht des Elitenforschers Michael Hartmann auch fast 100 Jahre nach dem Ende der Monarchie in Deutschland besonders auf konservativ eingestellte Bevölkerungsschichten eine Faszination aus. „Der Adel steht für eine jahrhundertealte Tradition und somit für Stabilität in einer Welt, die immer chaotischer zu sein scheint“, sagte der emeritierte Soziologie-Professor aus Darmstadt. In Hannover feiern am Sonnabend Erbprinz Ernst August von Hannover (33) und Ekaterina Malysheva (30) unter großem öffentlichen Interesse ihre kirchliche Hochzeit.
Adelige Familien vermittelten diesem konservativen Umfeld ein Bild von einer früheren ordentlichen Welt mit vermeintlich geordneten Verhältnissen und klaren Hierarchien, sagte Hartmann. „In Ruhrgebiets-Städten wie Essen oder Gelsenkirchen wären die Reaktionen auf solch eine Hochzeit bestimmt anders.“ Auch spiele der „Glamour-Faktor“ und die Prominenz der Adeligen für die Faszination in der Gesellschaft eine Rolle, sagte Hartmann. Dieser werde auch durch die Berichterstattung der einschlägigen sogenannten „Yellow-Press“-Medien bestärkt.
Bundesweit gehörten heute schätzungsweise 0,1 Prozent der Bevölkerung dem Adel an, sagte Hartmann. Die Welfen von Hannover zählten zu den prominentesten Adelsfamilien in Deutschland. Sie gehörten zu den drei ältesten Herrscherhäusern Europas und seien mit geschätzten 400 Millionen Euro auch sehr vermögend. Zudem sei die Familie im europäischen Hochadel gut vernetzt und daher mit den amtierenden europäischen Herrscherhäusern nahezu auf Augenhöhe.
Der Einfluss von adeligen Familien auf die Bevölkerung sei mittlerweile stark regional und durch politische oder wirtschaftliche Aspekte geprägt, betonte Hartmann. So sei der Einfluss der Familie von Thurn und Taxis in Regensburg vergleichbar mit dem großer Wirtschaftsunternehmen wie Volkswagen in Wolfsburg. „Wenn eine Familie seit 600 Jahren einen Adelstitel trägt, aber nicht vermögend oder wirtschaftlich einflussreich ist, spielt der Titel keine große Rolle mehr.“
Im hohen Militär seien Adelige im Vergleich zu früheren Zeiten kaum noch vertreten. Privatbanken, wo sie früher auch stark gewesen seien, gebe es so gut wie nicht mehr. Im diplomatischen Dienst des Auswärtigen Amts seien Adelige allerdings immer noch deutlich überrepräsentiert.
