Peking - In dem nicht sehr scharfen Video kann Zhang Xiuhong ihre Tochter sehen, mit dem Fahrrad auf einer Landstraße, auf dem Weg zur Schule. Klassenkameraden gehen vorbei, kurz danach radelt Yao Li eine Auffahrt herunter. Dann gibt es keine Bilder mehr von ihr. Die 15-Jährige verschwand wenige Minuten, nachdem eine Überwachungskamera sie kurz erfasste. Ein Schuh in einem Straßengraben in der Nähe war die einzige Spur von dem Mädchen.
Zhang und ihr Mann haben seitdem unermüdlich nach Yao Li gesucht - in der Hoffnung, sie aus den Klauen einer Kinderhandel-Industrie zu befreien, die jedes Jahr Tausende von Jungen und Mädchen verschluckt. Und als wäre die Suche nach ihrem Sprössling nicht schon qualvoll genug, wurden die Eheleute wiederholt von der Polizei belästigt, verfolgt, festgenommen und ins Gefängnis gesteckt. Man wirft ihnen vor, sich mit anderen Eltern zusammenzutun, ihre Suche publik zu machen und damit öffentlichen Ärger zu verursachen.
„Wir gehen „raus und suchen, und dann umringen uns all diese Polizisten“, schildert Zhang. „Niemand hält Ausschau nach meiner Tochter. Niemand tut irgendetwas.“
Bis zu 70 000 Kinder werden nach Schätzungen jedes Jahr in China entführt. Sie werden illegal adoptiert, zur Zwangsarbeit eingesetzt oder als Sexsklaven verkauft. Nach Angaben der staatseigenen Zeitung „China Daily“ handelt es sich um einen der größten Märkte für Kinderhandel auf der Welt. Zum Vergleich: In den USA werden laut der Polly-Klaas-Stiftung, die sich der Bekämpfung von Verbrechen an Kindern verschrieben hat, jährlich etwa 100 Jungen und Mädchen von Fremden entführt.
Zwar haben die chinesischen Behörden 2009 ein spezielles Einsatzkommando gebildet, das staatlichen Medien zufolge 11 000 Menschenhandelsringe ausgehoben und mehr als 54 000 Kinder gerettet hat. Dennoch sagen viele Eltern, dass sie praktisch auf sich allein gestellt seien - und in Ruhe gelassen zu werden das Beste ist, was sie sich von der Polizei erhoffen können.
Xiao Chaohuas Sohn war fünf Jahre alt, als er 2007 verschwand. Nach den Schilderungen des Vaters lehnt es das staatseigene Fernsehen meistens ab, Bilder und Namen einzelner vermisster Kinder zu veröffentlichen. Auch Forderungen nach einer Einrichtung ähnlich wie dem Amber Alert in den USA fänden kein Gehör. Das ist ein System, bei dem auf Straßentafeln, im Fernsehen, Rundfunk und häufig auch auf Handys sofort über das Verschwinden eines Kindes informiert wird, samt möglichen Hinweisen auf den Entführer.
„Sie wollen es nicht veröffentlichen, denn wenn sie es täten, würden sie eines von Chinas Problemen offenbaren - die Tatsache, dass Kinder hier verschwinden“, sagt Xiao.
Bei all diesen Hürden verwundert es nicht, dass manche Mütter und Väter die Sache selbst in die Hand nehmen. Und das wiederum bringt dann nicht selten die Polizei auf den Plan - anders, als es sich die verzweifelten Eltern gewünscht haben. Nach Schilderungen Betroffener fingen die Behelligungen in der Regel an, wenn sie in Gruppen mit mehr als 20 Teilnehmern auf die Straße gingen, Plakate hochhielten und Flugblätter mit Bildern ihrer vermissten Kinder verteilten. Xiao wird nach eigenen Angaben auch von der Polizei angehalten, wenn er mit seinem Lieferwagen fährt, der mit Bildern verschwundener Jungen und Mädchen beklebt ist.
Die chinesische Polizei geht ständig gegen Gruppen vor, die in ihren Augen die staatliche Autorität herausfordern - egal, aus welchem Grund. Die Eltern vermisster Kindern weigern sich jedoch aufzugeben. Ungefähr 1000 Familien haben eine Selbsthilfegruppe mit Sitz in Peking gegründet, die mit der Polizei darüber verhandelt, Eltern eine unbehelligte eigene Suche zu erlauben. Die Mitglieder tauschen untereinander Hinweise aus, und wird bekannt, dass in einer Stadt Menschenhändler operieren, reisen sie oft selber dorthin, um Verdächtige aufzuspüren.
In den vergangenen sechs Jahren hat die Gruppe zwei Kinder gefunden. Beide waren Xiao zufolge in kleinen Städten entführt und an Adoptiveltern verkauft worden. Eine Junge befand sich in einem Waisenhaus. Das Paar, das ihn ursprünglich gekauft hatte, wollte ihn wegen eines Herzproblems nicht, und das Kind stand kurz davor, zur Adoption ins Ausland geschickt zu werden.
Seit China 2009 seine Maßnahmen gegen Menschenhandel verschärft hat, sind die Preise für entführte Kinder bis um das Zehnfache in die Höhe geschossen: auf umgerechnet gut 26 000 Euro für einen Jungen und rund 8000 Euro für ein Mädchen. Als besonders attraktiv geltende Kinder können sogar noch mehr kosten, wie Xiao schildert.
Wu Xingfo, dessen einjähriger Sohn 2008 nachts aus seinem Bettchen daheim in der Provinz Shanxi gestohlen wurde, ist nach eigenen Angaben ebenfalls von der Polizei behelligt worden, weil er nach seinem Kind suchte. Alle betroffenen Eltern in der Provinz hätten sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen, „aber die Regierung sagte, dass wir Ärger in der Gesellschaft verursachen“, erzählt Wu. „Ich wurde zwei Tage lang ins Gefängnis gesteckt. Sie haben die Fotos von meinem Sohn zerrissen, die ich verteilt habe. Ich weiß nicht, warum die Polizei das nicht ernst nimmt. Es ist, als ob sie es mit einem vermissten Hund oder einer verlorenen Handtasche zu tun hätten.“
