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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Das Schweigen des Hells Angels

20.05.2017

Frankfurt Am Main Als die ersten Polizisten nach den Schüssen auf dem belebten Platz mitten in Frankfurt eintreffen, laufen Menschen schreiend durcheinander. „Chaos und absolute Panik in einer Größenordnung, die ich in keiner Situation zuvor erlebt habe“, beschreibt ein Oberkommissar am Freitag zu Prozessbeginn als Zeuge die Lage am Himmelfahrtstag 2016.

Zwei Menschen sind von Kugeln getroffen und schwer verletzt. Anfangs befürchten manche einen Terroranschlag, die Anschläge von Paris liegen noch nicht weit zurück. Schnell stellt sich die Bluttat aber als Auseinandersetzung im Rockermilieu heraus.

Der 27-jährige Beamte ist damals einer der ersten Streifenpolizisten am Tatort. Es ist der erste sommerliche Tag des Jahres: „Die Stadt war voll, der Stoltze-Platz belebt, die Cafés im Außenbereich voll belegt, es gab keinen leeren Tisch.“

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Nun zählt der Polizist zu den vier Zeugen, die das Frankfurter Landgericht am ersten von 16 Verhandlungstagen geladen hat. Mehr als 70 Zeugen und fünf Sachverständige will die Schwurgerichtskammer hören. Denn der angeklagte Hells Angel (56) schweigt zu den Vorwürfen - es geht unter anderem um versuchten Mord. Der zweite Schütze (38) ist noch auf der Flucht.

Die beiden Männer sollen an jenem Nachmittag bei sommerlichen Temperaturen auf einen weißen Geländewagen geschossen haben. Dessen 41 Jahre alter Fahrer wurde lebensgefährlich, sein 20 Jahre alter Beifahrer auf dem Rücksitz schwer verletzt. Eine Frau auf dem Beifahrersitz blieb unverletzt. Hintergrund der Tat waren nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft Streitigkeiten zwischen den Rockern. Sie geht von niedrigen Beweggründen aus.

Der Angeklagte mit dem langen, dunklen, leicht angegrauten Haaren wirkt locker, zwischenzeitlich sogar fröhlich. In den Pausen lacht er ein paar Kumpel im Publikum zu und macht Zeichen. Öffentlich sagt er aber kein Wort: Nur seinen Namen und seine Geburt 1960 im griechischen Piräus bestätigt er über seinen Anwalt.

Als „nett, lustig, ganz locker“, beschreibt ein 49 Jahre alter ehemaliger Kumpel den Angeklagten im Zeugenstand. Er habe den Älteren mit 16 Jahren beim Jiu-Jitsu kennengelernt, später sei der Angeklagte Taufpate seiner inzwischen 25 Jahre alten Tochter geworden. Die beiden Männer hätten früher viel mit ihren Frauen unternommen. „Dann ist jeder seiner Wege gegangen.“

Zurück zum 5. Mai 2016: Als er mit seinem Kollegen zum Tatort kommt, liegt der 41 Jahre alte Schwerverletzte vor einem Straßencafé, erinnert sich der Polizist im Zeugenstand. Tische und Stühle sind umgestoßen, dazwischen kaputte Tassen und Gläser. Der Motor des weißen Geländewagens mit Frankfurter Kennzeichen und teils getönten Scheiben läuft noch. Eine Schusswaffe liegt neben dem linken Seitenspiegel, dazwischen Hülsen und „tropfenartige Blutspuren“. Die Windschutzscheibe ist von mehreren Kugeln durchlöchert.

Der andere Verletzte habe sich in ein Lokal geflüchtet. Seine Schusswunde am Knie war ver- oder abgebunden. In einer „Mischung aus Schmerzen und Panik“ habe er erzählt, dass er gerade in einem Dönerladen war, als er angerufen worden sei, um mit in die Stadt zu fahren. Abgeholt habe ihn der 41-Jährige im Geländewagen, sein Cousin.

Als sie am Stoltze-Platz entlangfuhren, seien plötzlich Männer an einem der Tische eines Straßencafés aufgestanden und hätten geschossen. Er sei kein Rocker, habe der 20-Jährige gesagt. Sein Cousin sei jedoch früher einmal bei den Hells Angels Turkey gewesen.

Nach seiner Behandlung im Krankenhaus habe der Verletzte zunächst nicht mehr mit der Polizei reden wollen und auch keine Fotos von seiner Wunde zugelassen, sagt der Beamte. Im Krankenzimmer habe er dann aber doch gebeten, seine Eltern zu verständigen, ihnen aber von den Schüssen nichts zu sagen.