Berlin - Berlin leuchtet. Knapp 7000 Licht-Kugeln erhellen in kilometerlanger Reihe den Abendhimmel über der deutschen Hauptstadt. Die Ballone - noch an drei Meter hohen Stangen befestigt - scheinen zu schweben, leicht schwingen sie hin und her. Berliner und Touristen sind am Freitagabend in Scharen unterwegs, um die symbolische Lichtgrenze in Augenschein zu nehmen. Dort, wo die Mauer einst Menschen trennte, spazieren sie nun friedlich. Die Lichterkette hat sich Berlin zum 25. Jahrestag des Mauerfalls einfallen lassen.
Ein älteres Ehepaar aus Kopenhagen ist extra zu den Feierlichkeiten angereist. Beide laufen in der Nähe des früheren Grenzkontrollpunkts Checkpoint Charlie direkt auf dem Pflasterstreifen, der den Verlauf der Mauer markiert und wo jetzt die Ballonkette aufgestellt ist. „Es ist beeindruckend“, sagen beide. Sie ärgern sich noch heute, dass sie nach dem Fall der Mauer nicht sofort nach Berlin gefahren sind. „Aber nun kommen wir zweimal im Jahr.“
Auf etwa 15 Kilometern ist die einstige Grenze als Lichtkette wieder zu erkennen - sie reicht von der Bornholmer Brücke, wo vor 25 Jahren unter dem Druck der Ost-Berliner zuerst der Schlagbaum hochgezogen wurde, über das Brandenburger Tor bis zur Oberbaumbrücke.
Als Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die Installation auf der Marschallbrücke offiziell eröffnet, sind auch frühere DDR-Bürgerrechtler dabei. Wowereit sagt, ihr Anteil an der friedlichen Revolution dürfe nicht vergessen werden.
Hier in der Nähe des Reichstags spiegelt sich die leuchtende Linie in der Spree. Einige hundert Menschen sind zur Eröffnung gekommen. Gunnar Lowack (49) aus Regensburg freut sich, dass er das Mauerfall-Jubiläum in Berlin miterleben kann. „War für mich immer ein Unding, dieses geteilte Deutschland.“ Eine 73-jährige Berlinerin sagt, sie sei auch gekommen, um sich von Wowereit zu verabschieden. Der SPD-Politiker wird im Dezember sein Amt abgeben.
Aber erstmal wird der 61-Jährige am Sonntagabend noch bei einem Bürgerfest am Brandenburger Tor das Startzeichen zum Aufstieg der Ballone geben. Einstige DDR-Bürgerrechtler, Friedensnobelpreisträger, Bundespräsident Joachim Gauck, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Panikrocker Udo Lindenberg werden dabei sein, wenn die Kugeln mit persönlichen Botschaften, Wünsche und Gedanken in die Höhe steigen. Und sicher wird es Gänsehaut-Feeling geben - die Staatskapelle unter Daniel Barenboim wird dazu den 4. Satz aus Beethovens 9. Symphonie „Ode an die Freude“ intonieren.
Mit von der Partie ist auch der ehemalige sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow, der mit seiner Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) einst den Wandel in Osteuropa und der DDR eingeleitet hatte. Er wurde am früheren alliierten Grenzübergang Checkpoint Charlie mit Applaus empfangen. „Ich bin auch stolz darauf, dass ich ein bisschen etwas beigetragen habe dazu, dass wir heute so leben wie wir leben“, sagte der 83-Jährige.
Auch wenn am Freitagabend noch die eine oder andere Lampe ausfällt, haben die Organisatoren ein logistisches Mammutprogramm gestemmt. Schon zum 20. Jahrestag des Mauerfalls gab es viel Lob für die bunt bemalten Dominosteine, die ebenfalls die Grenze symbolisierten und dann einstürzten. Nun sollen die Ballone in der Nacht zum Sonntag neu befüllt werden - mit Helium für einen sicheren Aufstieg. Bislang ist Stickstoff drin.
Entlang der Kette stehen Infotafeln, an der Bornholmer Straße sind auf Videowänden Filme zum Mauerfall zu sehen. Überall werden Handys für ein Foto gezückt. Familien sind samt Fahrrad und Kinderanhänger unterwegs, Jogger laufen entlang der Lichtgrenze. Die East Side Galerie, das Mauerstück an der Oberbaumbrücke, erscheint an diesem Abend durch die Ballone in besonderem Licht. Die Installation folgt aber nicht überall exakt der ehemaligen Grenze, sie passt sich mancherorts dem heutigen Verkehr an.
Am Checkpoint Charlie ist auf einem Container sogar eine kleine Aussichtsplattform aufgebaut. Rita und Petra Schröder aus Stuttgart sind ganz bewusst an diesem Wochenende nach Berlin gereist. Tochter Petra hatte in den Medien von der Lichtinstallation gelesen. Die Idee gefiel ihr sofort. „Man kann die Grenze so wirklich nachempfinden“, sagt sie. Ihre Mutter begeistert, dass die Ballons von Behinderten in einer Werkstatt des Roten Kreuzes gefertigt wurden. Am Sonntag wollen sie auf alle Fälle am Brandenburger Tor dabei sein.
