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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Ice-Unglück Von 1998 In Eschede: Lebensentwürfe wurden weggefegt – Erinnerungen bleiben

04.06.2018

Eschede /Kr. Celle Udo Bauch ist vor der Gedenkstunde noch einmal die Treppen hinunter gestiegen zu den 101 Kirschbäumen. Gemeinsam mit Andreas Effinghausen trat er an die Inschriftenwand, die an die 101 Menschen erinnert, die bei dem Zugunglück am 3. Juni 1998 in Eschede ums Leben kamen. Der heute 50-Jährige saß im ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“, als der Zug gegen die Bahnbrücke prallte, dort wo am Sonntag in dem niedersächsischen Ort an das schwerste Zugunglück in der bundesdeutschen Geschichte erinnert wurde. Er überlebte, der Polizist Effinghausen war der Retter, der seine Rufe als erster hörte.

Unerwartet stark hätten ihn die Gefühle auch nach 20 Jahren übermannt, sagte Bauch, der schwerste Verletzungen mit bleibenden Folgen erlitt. „Die vielen Namen. Ich musste mit Tränenanfällen kämpfen.“ Hinterbliebene, Politiker, Vertreter der Deutschen Bahn und der Einsatzkräfte erinnerten in der Gedenkstunde an die Schicksale, die mit Eschede verbunden bleiben. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sagte, die Katastrophe sei „völlig unvermittelt und wie ein Blitz“ über Menschen hereingebrochen, die dem Zug voll und ganz vertraut hätten. Das zeige, dass die Einführung neuer Technik ständiger und äußerster Sorgfalt bedürfe.

Heinrich Löwen, Sprecher der Hinterbliebenen, sagte vor den Gedenktafeln in dem Kirschbaumhain an den Bahngleisen, die Toten von Eschede wollten den Lebenden etwas sagen: „Wenn ihr uns in eurem Gedächtnis und in eurem Herzen bewahrt, bleiben wir über den Tod hinaus verbunden.“ Löwen, der bei dem Unglück seine Frau Christl (50) und Tochter Astrid (26) verloren hat, erinnerte daran, dass auch Kinder in Eschede ihr Leben lassen mussten. „Was wäre aus der kleinen Laura geworden? Heute wäre sie 23.“ Lebensentwürfe seien weggefegt worden.

Seine Worte leiteten ein Erinnern in Schweigen ein. Züge fuhren während der Gedenkstunde mit deutlich verminderter Geschwindigkeit an der Gedenkstätte vorbei. Bei dem Unglück am 3. Juni 1998 kamen 101 Menschen ums Leben. Mehr als 100 Menschen wurden verletzt, als der ICE 884 „Wilhelm Conrad Röntgen“ wegen eines gebrochenen Radreifens entgleiste und mit hohem Tempo gegen eine Straßenbrücke prallte. Lange Zeit war das Verhältnis zwischen der Bahn und den Hinterbliebenen und Opfern im Ringen um Entschädigungen und eine juristische Aufarbeitung gespannt.

Zum 20. Jahrestag waren aber auch versöhnliche Töne zu hören. Fünf Jahre zuvor hatte sich mit Rüdiger Grube erstmals ein Bahnvorstand bei den Opfern und Hinterbliebenen entschuldigt. Daran knüpfte sein Nachfolger Richard Lutz in seiner Rede auf der Brückenrampe oberhalb der Gedenkstätte an. „Zeit heilt nicht alle Wunden. Wir als Deutsche Bahn sind uns dessen bewusst“, sagte er. Auch im Umgang mit Betroffenen habe es die Bahn lange an der notwendigen Sensibilität missen lassen. Dafür bitte er um Entschuldigung und um Verzeihung.

Das Unglück habe sich in das kollektive Gedächtnis der Bahn eingebrannt, sagte Lutz. Die Erinnerung sei eine ständige Mahnung. Auch der parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium Enak Ferlemann (CDU) betonte, es seien Lehren gezogen worden. Auflagen seien verändert und Kontrollen verschärft worden. Es gebe in Deutschland eine Zeit vor Eschede und eine Zeit nach Eschede.

Löwen erinnerte noch einmal an die langwierige juristische Aufarbeitung des Unglücks. Im Frühling 2003 stellte das Lüneburger Landgericht das Verfahren gegen drei verantwortliche Ingenieure gegen Geldbußen ein. „Das Gericht hat uns mit der Einstellung des Verfahrens ein weiteres Mal verletzt“, sagte Löwen. Dennoch sei er heute überzeugt, die Entschuldigungen seien keine Sonntagsreden.

Doch Eschede stehe nicht nur für die Katastrophe, sondern auch für die gelebte Mitmenschlichkeit, unterstrichen die Redner. Viele Einsatzkräfte von Rettungsdiensten und Feuerwehr in Uniformen waren ebenso zu der Gedenkfeier gekommen wie Anwohner und Seelsorger. Der damalige Einsatzleiter Gerd Bakeberg rief das Bild in Erinnerung, das sich den fast 2.000 Helfern damals bot. Die Lage sei gar nicht zu fassen gewesen, sagte er. Das Szenario bleibe auch den Einsatzkräften unvergesslich. Erstmals hatte es nach Eschede ein umfassendes Nachsorgeangebot für die Retter gegeben.

„Beispielhaft und aufopfernd haben Retter, Helfer und Bürger des Ortes selbstlos eine schwere Aufgabe übernommen, haben geholfen und getröstet“, sagte Bakeberg. Die positive Resonanz darauf halte bis heute an. Eschedes Bürgermeister Günter Berg sicherte den Hinterbliebenen und Überlebenden zu: „Wir möchten ihnen heute zur Seite stehen, wenn die Abgründe der Vergangenheit wieder gegenwärtig sind.“ Die Gedenkstätte solle ein immerwährender Ort der Einkehr sein.

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