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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Eine Stimme für Millionen Fahrgäste der Bahn

18.07.2019

Frankfurt /Main „Bitte bleiben Sie ruhig.“ Konzentriert liest Heiko Grauel den Satz von dem iPad ab, das vor ihm auf einem Lesepult liegt. Und noch einmal: „Bitte bleiben Sie ruhig.“ Durch eine Glasscheibe sieht der 45-Jährige den Sounddesigner, der die Aufnahme an mehreren Computerbildschirmen überwacht. Grauels angenehme, tiefe Stimme wird bald zu den bekanntesten in ganz Deutschland gehören. Denn der Hesse aus Dreieich bei Frankfurt am Main ist der neue Ansager der Deutschen Bahn. Aus den Sätzen, die er im Tonstudio eingesprochen hat, werden die automatischen Durchsagen für alle rund 5700 Bahnhöfe des Unternehmens produziert.

60 Stunden lang dauerten die gerade abgeschlossenen Aufnahmen insgesamt, verteilt auf vier Wochen. Mehr als 14 000 einzelne Zeilen hat Grauel dafür abgelesen, vier bis fünf Stunden pro Tag verbrachte er in der Aufnahmekabine. Auch scheinbar unsinnige Sätze waren dabei. „Die restlichen Kräuter grob abzupfen“ etwa – wie der 45-Jährige nun lachend demonstriert. „Entschuldigung, noch mal“, sagt er ins Mikrofon und wiederholt den Satz im angemessen ruhigen und sachlichen Tonfall.

„Wichtig ist, dass die Stimme immer gleich klingt“, sagt Sounddesigner Stephan Becker. Lautstärke, Betonung und Stimmfarbe wurden bei den Aufnahmen ständig kon­trolliert. Schmatzer und Atmer störten ebenfalls, dann mussten die Sätze wiederholt werden.

Grauel setzte sich unter Hunderten professionellen Sprechern bei einem Casting durch, in das auch die Bahn-Mitarbeiter eingebunden waren. Dabei ging es unter anderem darum, eine Stimme zu finden, die trotz der an Bahnhöfen erheblichen Geräuschpegel deutlich zu verstehen ist. „Wir suchten nach einer professionellen Stimme, die verständlich und sympathisch klingt“, sagt Daniel Labahn, der Leiter des Projekts Reisendeninformation bei den Personenbahnhöfen.

Das Unternehmen führt gemeinsam mit der neuen Stimme eine neue Technologie ein. Eine Software zerhackt die aufgenommenen Sätze in einzelne Laute und legt damit eine Bibliothek an, um sie dann zu einer beliebigen Anzahl und Auswahl an neuen Sätzen zusammenzufügen. Bisher wurden einzelne Wörter aneinandergefügt, was abgehackt und künstlich klang. Dasselbe Verfahren werde für digitale Assistenten wie Amazons Alexa oder Apples Siri benutzt.

„Künftig werden die Wörter besser miteinander verbunden“, sagt Labahn. Zugleich werde die Bahn flexibler, da sich aus den einzelnen Lauten beliebige Wörter bilden ließen, auch auf Französisch oder Englisch. Die Reisendeninformation soll ganz neu aufgestellt werden, sagt Labahn. „Die Verbesserungen wollen wir auch mit einer neuen Stimme zeigen.“ Neben der Akustik arbeitet die Bahn auch an der Optik, dafür erhalten die Anzeiger und Anzeigetafeln ein neues Design.

Heiko Grauel werde erstmals in einigen Monaten an einem Bahnhof zu hören sein, heißt es. Für Grauel heißt das, bald von 20 Millionen Reisenden und Bahnhofsbesuchern gehört zu werden, die die Bahn täglich bundesweit zählt. Diese Vorstellung sei überwältigend, sagt der 45-Jährige.

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