Berlin - Der Weg zu Frank Kunitz führt über blau-melierte Linoleumstufen in die erste Etage. Mehr als Hundert Syrer, Afghanen, Albaner – Männer, Frauen und Kinder – steigen hier an manchen Tagen hoch. Sie haben einen Pflichttermin. Bei einer Außenstelle des Gesundheitsamts. An der weißen Metalltür mit Milchglasscheibe hängt ein Zettel „Bitte ziehen“.
Unverzügliche Tests
Drinnen sitzt Kunitz am Schreibtisch. „Wir haben hier letzte Woche sechs Menschen rausgezogen“, sagt der Berliner Arzt. Sechs Mal Tuberkulose-Verdacht. Sechs Mal sofort Klinik und Quarantäne.
So wie Kunitz im Tuberkulosezentrum in Berlin-Lichtenberg durchleuchten Mediziner in vielen Städten und Kommunen im Akkord Flüchtlinge. Das Infektionsschutzgesetz schreibt die Massenkontrolle der Asylbewerber vor. Die Ärzte sollen alle rausfischen, deren Lungenbild auffällige Flecken zeigt. Und zwar vor oder „unverzüglich nach ihrer Aufnahme“ in Flüchtlingsunterkünfte. So das Gesetz.
Die Krankheit, die früher Schwindsucht hieß und fast vergessen schien, verlangt wieder mehr Aufmerksamkeit. Weltweit tötet sie rund 1,5 Millionen Menschen pro Jahr (2014). Zum Vergleich: An der Ebola-Epidemie starben in Westafrika 2014/15 mehr als 11 000 Menschen.
In manchen armen Ländern in Asien, Afrika und Osteuropa schlägt der stäbchenförmige Erreger namens Mycobacterium tuberculosis besonders heftig zu. Darunter in Afghanistan, Eritrea, der Ukraine. Ein Teil der Menschen hat sich zu uns auf den Weg gemacht. Einige bringen die heimtückische Infektion mit. Wir müssen uns also wieder mehr kümmern. Oder genauer: Die rund 400 Gesundheitsämter müssen sich kümmern.
Langjähriger Trend
Es ist ein außergewöhnlicher Kraftakt. Rund eine Million Geflüchtete seit 2015 bedeuten für die Ärzte im staatlichen Gesundheitsdienst: Sie sorgen für Hunderttausende Röntgenaufnahmen von Mi-granten ab 15 Jahren. Bei Kindern suchen sie mit Blut- und Hauttests nach Tuberkulose.
Die Folge von mehr Zuwanderern und mehr Tests schlägt jetzt voll durch: Die Zahl der Tuberkulosefälle sprang innerhalb eines Jahres um rund 30 Prozent nach oben, heißt es zum Welttuberkulosetag an diesem Donnerstag: bundesweit von gut 4500 auf mehr als 5850, niedersachsenweit von 344 auf 417. Der „langjährig rückläufige Trend“ insgesamt ist beendet, hält das Robert-Koch-Institut (RKI) fest.
