• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Panorama

Großes Loch, kleines Glück

19.04.2015

Dhaka Ein großes Loch klafft zwischen den mehrstöckigen Betonklötzen in Savar, einem staubigen und lauten Vorort von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Die Baulücke direkt an der Hauptstraße ist abgeriegelt durch einen rostigen Stacheldrahtzaun. Davor steht eine kleine Tafel mit der Inschrift: „Ruhet in Frieden, Opfer der Rana-Plaza-Katastrophe - 24.04.2013 - Unsere Erinnerungen sind überschwemmt mit einer Milliarde Tränen.“

An dieser Stelle geschah vor zwei Jahren das schlimmste Fabrikunglück in der Geschichte Bangladeschs. Das achtstöckige Gebäude, in dem zahlreiche Textilfabriken untergebracht waren, fiel in Sekunden in sich zusammen. Danach gruben sich Helfer wochenlang durch die Trümmer. Sie bargen mehr als 1100 Leichen; 2500 Menschen wurden gerettet. Als alle Gebäudereste abgetragen waren, blieb das Grundstück sich selbst überlassen. So liegt es nun seit zwei Jahren in der heißen Sonne Bangladeschs: Schuttreste, Müll, ein müffelnder Tümpel in der Mitte.

Die Überlebenden von damals hingegen mussten sich aufrappeln. Rima, Hossain, Rehana, Airin, Ahidul, Shilpi, Munnaf, Runa - sie alle haben ihr Leben neu begonnen. Denn durch den Einsturz wurden sie nicht nur zum Teil schwer verletzt, sondern verloren auch ihre Arbeit in den Fabriken. „Viele litten außerdem unter einem so großen Trauma, dass sie danach nicht in eine andere Textil-Fabrik gehen konnten“, sagt Tobias Becker, Landesdirektor der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Runa Aktar etwa betreibt heute lieber einen kleinen Tante-Emma-Laden in Mojidpur, gar nicht weit von der Einsturzstelle entfernt. „Ich fürchte mich davor, große Gebäude zu betreten“, sagt die 24-Jährige. Das Handwerk als Kleinstunternehmerin lernte sie im Zentrum für die Rehabilitation der Gelähmten (CRP), wo sie vor zwei Jahren wegen ihrer schweren Kopfverletzung zur Behandlung war. „Ich hörte während der Therapie von dem Berufstraining und bin sofort hingegangen“, sagt sie. Insgesamt 99 Betroffenen haben CRP und GIZ so geholfen.

Auch der 42-jährige Munnaf Khan wurde so zum Entrepreneur. Er konnte durch seinen früheren Job bei „New Wave Style“ im achten Stock von Rana Plaza bereits Kleidungsstücke nähen - wusste aber nicht, wie er die richtigen Maße nimmt, zuschneidet, einnäht, stärkt. Das lernte er in einem sechsmonatigen Kurs bei CRP. Und heute führt er eine eigene kleine Schneiderei. „Ich fühlte mich stark genug, in dem Beruf weiterzumachen“, sagt er.

Gerade ist er in einen größeren Raum umgezogen, in dem sich unter dem frischen Bambusdach nun die gestreiften Hemden stapeln. Stolz breitet er sie auf der Theke aus - mit beiden Armen. Dabei war der linke Arm nach dem Unglück zunächst gelähmt. „Ich hatte kein Gefühl. Selbst nach Wochen wurde es auf dem Dorf nicht besser. Erst als ich zurück in die Stadt kam und zur Physiotherapie ging, kam das Empfinden zurück“, sagt er. Die Erfahrung hat ihn offenbar sensibilisiert: Khan beschäftigt jetzt einen jungen Mann, der an Krücken gehen muss.

Von den Überlebenden der Katastrophe sind 160 dauerhaft körperlich behindert. „Beim Einsturz blieben viele mit einer Hand oder einem Fuß zwischen den Betonteilen stecken. Alle schrien damals“, erinnert sich Shafiq-ul Islam, geschäftsführender Direktor von CRP. Das Zentrum ist nur wenige hundert Meter von der Einsturzstelle entfernt und schickte sofort Hilfe. „Die Ärzte mussten sofort entscheiden: Graben wir die Festsitzenden aus, oder amputieren wir vor Ort?“

CRP nahm 70 bis 80 Opfer von Rana Plaza auf, vor allem diejenigen mit Rückenmarkverletzungen und Amputationen. Damit sie auch in Zukunft gut mit Prothesen und anderen Hilfsmitteln versorgt werden können, baut die deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit dem Internationalen Roten Kreuz die landesweit erste Schule für Orthopädiemediziner bei CPR auf. Im vergangenen Jahr startete der erste Kurs. „Das Gute ist: Nach dem Rana-Plaza-Unglück ist das Bewusstsein in Bangladesch gewachsen, dass es Menschen mit Behinderungen gibt“, sagt Islam.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.