HAMBURG/PARIS - Ein Sechs- Sterne-Menü war geplant, die Chefs „aller Drei-Sterne-Restaurants weltweit“ sollten nach Paris kommen. Auch Harald Wohlfahrt aus Baiersbronn freute sich, am kommenden Montag dabei zu sein, wenn die 100. Ausgabe des französischen Gourmetführers „Guide Michelin“ gefeiert wird. Doch dann sagte Michelin-Direktor Jean-Luc Naret per Fax ab: „Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Lage“ sei die Party gestrichen.
Nun wird die 100. Ausgabe in kleinerem Rahmen präsentiert – mit Schmuckeinbänden, die französische Köche und Künstler gestalteten.
Der wichtigste Hotel- und Restaurantführer der Welt ist ein Werbe-Instrument des französischen Reifenkonzerns Michelin – im eigenen Interesse und dem der Gastronomie. Aber der Gewinn schrumpfte 2008 um mehr als die Hälfte, und man trat in Paris auf die Kostenbremse. „Schade“, meinte Wohlfahrt: „Die machen ja eine für uns sehr hochstehende und unentgeltliche Werbung.“
Den ersten „Guide Michelin“ mit Tipps für Automobilisten gab es zur Pariser Weltausstellung 1900 noch kostenlos. Frankreich zählte damals 2897 registrierte Automobile. Benzindepots musste man beim kleinen Lebensmittelladen suchen oder beim Bäcker.
Von Anfang an versprach der Führer eine gerechte und strenge Bewertung. 1908 wurde die bezahlte Reklame für Hotels abgeschafft, 1919 jede andere Fremdwerbung. Dafür mussten die Kunden den Führer nun kaufen.
Während der Weltkriege konnte der Guide nicht erscheinen. Stattdessen produzierte der patriotische Konzern Straßenkarten für den Generalstab. 1944 unterstützte Michelin sogar die Landung der Alliierten in der Normandie: Der amerikanische Militär-Geheimdienst durfte die letzte Vorkriegsausgabe von 1939 nachdrucken. So bekamen die US-Soldaten den Reiseführer mit genauen Stadtplänen ins Sturmgepäck.
Seit 1970 empfiehlt das Reifenmännchen „Bibendum“ nicht nur teure, sondern auch preiswerte Restaurants. Doch das Hauptinteresse gilt den Sternen der Spitzenköche, unter denen Paul Bocuse einer der Rekordhalter ist. Sein Restaurant bei Lyon hat seit 44 Jahren drei Sterne.
