Hannover/Bremen/Oldenburg - In Michael Alberts „Loseläden“ müssen Kunden die Waren nicht einfach aus den Regalen nehmen: Milch zapfen sie in mitgebrachte Flaschen, Kaffee wird frisch gemahlen und Aufstrich produziert eine vom Gründer selbst konstruierte Nussmus-Maschine. Der gelernte Tischler eröffnet an diesem Dienstag sein drittes Unverpackt-Geschäft LoLa in Hannover. Der Wunsch nach einer Filiale im Stadtteil List sei von Kunden an ihn herangetragen worden, berichtet der 59-Jährige. Sie hätten über Crowdfunding die gesamte Finanzierung übernommen.

Um Plastikmüll zu vermeiden, kaufen mehr Menschen im Norden in Geschäften ein, die komplett auf Verpackungen verzichten. „Die Renner bei uns sind Müsli, Nudeln und Kaffee“, erzählt Albert. Zudem steige die Nachfrage nach Drogeriewaren. Albert: „Es dauert 500 Jahre, bis eine Flasche verrottet. Warum muss man die wegschmeißen?“

Nach Angaben des Verbands Unverpackt ging das erste deutsche Geschäft ausschließlich mit losen Waren 2014 in Kiel an den Start, inzwischen gibt es demnach mindestens 178 solche Läden. Hinzu kämen weitere 176 in Planung. Auch in Oldenburg befindet sich ein Laden aktuell in der Crowdfunding-Phase. Schwerpunkte sind die Metropolen. „Jetzt kommen die Pioniere, die aufs Land gehen“, sagt Verbandschef Gregor Witt, der in Köln das Geschäft Tante Olga mitgegründet hat. Auf seiner Internetseite hat der Verband alle Läden auf einer Deutschlandkarte markiert.

Zum Beispiel in Osnabrück, Hildesheim, Braunschweig oder Göttingen können demnach Kunden bereits unverpackt einkaufen. Gründungen seien unter anderem in Alfeld, Delmenhorst und Goslar geplant. In Bremen gibt es mehrere Läden, SelFair ist einer von ihnen. „Am Anfang kamen wir uns vor wie ein Museum, so viele Neugierige schauten sich bei uns um“, erzählt Inhaber Selcuk Demirkapi. Inzwischen gebe es eine große Stammkundschaft. „Durch die Fridays-for-Future-Bewegung haben wir noch einmal neue Kunden bekommen“, berichtet der 34-Jährige, der Wirtschaftspsychologie studiert hat und sich mit dem eigenen nachhaltigen Laden vor drei Jahren einen Traum verwirklicht hat.

Auch in konventionellen Supermärkten werden mittlerweile wiederverwendbare Netze für Obst und Gemüse angeboten. An Bedientheken können die Kunden Wurst und Käse in Mehrwegbehälter füllen lassen. Die Betreiber von Unverpackt-Geschäften hätten viele Ideen und Denkanstöße geliefert, die dazu beitragen, auch im klassischen Lebensmitteleinzelhandel Verpackungen zu reduzieren, sagt der Sprecher des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels, Christian Böttcher. Insgesamt gibt es etwa 37 000 Lebensmittelgeschäfte in Deutschland.

Der Verpackungsverbrauch hat mit jährlich 18,7 Millionen Tonnen einen neuen Höchststand erreicht, wie die Deutsche Umwelthilfe kürzlich kritisierte. Das sind etwa 226,5 Kilo Verpackungsmüll pro Kopf.