Hannover - Abgenagte Baumstämme in Form einer Sanduhr sind ein typisches Zeichen: Der Biber breitet sich immer stärker in Niedersachsen aus. Das größte heimische Nagetier war Mitte des 19. Jahrhunderts ausgerottet worden. Vor allem sein dichtes und wärmendes Fell war begehrt sowie sein Drüsensekret, das als Heilmittel galt. Aber auch sein Fleisch sowie der platte Schwanz, die sogenannte Kelle, galten als Delikatesse.Heute ist der Biber streng geschützt.

Ein Wiederansiedlungsprojekt im Emsland brachte den Nager mit den kräftigen Zähnen im Jahr 1990 zurück. Von den ursprünglich acht ausgesetzten Bibern habe sich die Population bis zum Frühjahr 2018 auf rund 140 Biber in 55 Revieren erhöht, berichtet Stefan Ramme vom Projekt Emslandbiber.

„Im Jahr 2005 ist der erste Biber in der Region Hannover aufgetaucht“, sagt Sabrina Schmidt vom Nabu Laatzen. Der Biber sei noch nicht flächendeckend zu finden, bislang gebe es „Hotspots“ in Niedersachsen. Eines dieser Areale sei die Leine. „Dort sind die meisten Reviere besetzt, sodass der Biber sich jetzt auch in den Nebengewässern der Leine ausbreitet“, erklärt die Umweltwissenschaftlerin.

Insgesamt könne landesweit von etwa 110 Biber-Revieren ausgegangen werden, teilt Carsten Lippe, Sprecher des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), mit. Diese Angaben beziehen sich auf Expertenschätzungen. Bei zwei ausgewachsenen Nagern sowie zwei bis drei Jungtieren je Revier ergibt sich eine ungefähre Bestandsgröße von 500 Bibern in Niedersachsen.

Der bevorzugte Lebensraum der Biber sind feuchte Wälder mit langsam fließenden oder stehenden Gewässern, die im Sommer nicht austrocknen und im Winter nicht zufrieren. Der Eingang eines Biberbaus befindet sich immer unter Wasser, damit er sicher vor Feinden wie Fuchs oder Dachs ist. Die Wohnhöhle hingegen liegt über Wasser, im Bau ist es trocken und warm.

Auf die Natur haben Biber positive Auswirkungen. „Der Biber ist der beste Renaturierer“, betont Schmidt. Vor allem Pappeln und Weiden haben es dem Nager angetan. „Weiden sprießen von allein aus, das ist eine Verjüngung der Natur“, erklärt Schmidt.

Die Dämme, die der Nager aus Holz baut, verringerten die Fließgeschwindigkeit der Gewässer. Das sei ideal für junge Fische, die dort Schutz fänden. „Auf dem Speiseplan des Bibers selbst stehen bis zu 300 verschiedene Pflanzenarten, darunter Seerosen, Brennnesseln und Kräuter“, erklärt Schmidt. Im Winter ernährten sich die Nager von der Rinde der Bäume.

Doch nicht überall herrscht Freude über die Rückkehr der Biber: „Die Ansiedlungen beeinflussen die Landwirte, da die Felder sehr nah an die Gewässer heranreichen“, erklärt die Naturschützerin. Durch die Biberbauten drohten Überschwemmungen der Felder. „Vor allem im Grabenbereich, wo der Biber Dämme baut, gibt es Probleme“, erklärt Klaus-Dieter Böse, Geschäftsführer des Landvolk-Kreisverbands Gifhorn-Wolfsburg. Dort lägen die Drainagerohre für die Entwässerung der Ackerflächen. Durch die Bauten würden die Rohre überflutet und das Wasser könne nicht mehr ablaufen. „Die Flächen sind nicht mehr befahrbar, da die landwirtschaftlichen Geräte einsacken“, sagt Böse. Betroffen seien zwar nur einzelne Flächen, aber auch das summiere sich auf einige tausend Quadratmeter.

„Wenn wir Biberdämme wegnehmen möchten, benötigen wir eine Genehmigung der Unteren Naturschutzbehörde“, erklärt Böse. Damit kommen Kosten auf die Landwirte zu: „Das Entfernen von zwei Biberdämmen kostet etwa 500 Euro“, sagt er. Und meist bauten die Nager ruckzuck an derselben Stelle einen neuen Damm. Die Landwirte könnten zwar die Ernteausfälle geltend machen, das sei aber mit viel Bürokratie verbunden, weshalb es die meisten einfach ließen. „Letztlich muss man sich mit dem Biber arrangieren“, so Böse.