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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Journalisten In Mexiko: Im Fadenkreuz von Drogenkartell und Polizei

01.01.2020

Mexiko-Stadt Der Anruf kommt am Nachmittag. „Ich werde dich töten“, raunt ein Mann auf den Anrufbeantworter von Marta Durán de Huerta. Zwei Tage zuvor hatte die mexikanische Journalistin ein Buch über die Frauenmorde in Ciudad de Juárez vorgestellt. Bis heute weiß Durán nicht, wer hinter dem Drohanruf steckte. „Die wollten mich erschrecken“, sagt sie. „Die Drogenkartelle bringen dich normalerweise sofort um - ohne Vorwarnung. Deshalb vermute ich, dass die Regierung dafür verantwortlich war.“

Mexiko ist eines der gefährlichsten Länder weltweit für Journalisten. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben der Organisation Reporter ohne Grenzen acht Medienschaffende in dem lateinamerikanischen Land getötet, seit Anfang 2016 weitere fünf. Auf der Rangliste der Pressefreiheit liegt Mexiko auf Platz 149 von 180 Ländern.

Dabei gibt es durchaus kritischen und investigativen Journalismus in Mexiko. Folter durch Soldaten und Polizisten, krumme Geschäfte der Präsidentenfamilie, Korruption beim Staatskonzern Pemex, Massaker der Kartelle - die mexikanischen Medien zerren so einiges ans Licht. Allerdings ist die Arbeit mit einem hohen persönlichen Risiko für die Journalisten verbunden.

Nach Angaben der Journalistengruppe Artículo 19 gelten 23 Reporter als vermisst. „Mexiko ist eines der Länder, in denen am meisten Journalisten verschwinden“, sagt der langjährige Leiter von Artículo 19 in Mexiko, Darío Ramírez. „Das Verschwindenlassen ist ein Verbrechen und eine Schwächung des Rechtsstaats.“

Die Aggressionen gegen Journalisten gehen sowohl von korrupten Funktionären als auch von den mächtigen Drogenkartellen aus. In einigen Regionen Mexikos ist die Grenze zwischen Politik und organisiertem Verbrechen ohnehin fließend. Ein großes Problem in Mexiko ist zudem die Straflosigkeit: 98 Prozent aller Verbrechen bleiben ungesühnt.

Vor allem auf dem Land sind die Arbeitsbedingungen für Journalisten fatal. Aufgerieben zwischen autoritären Provinzregierungen und brutalen Verbrechersyndikaten entscheiden sich viele Reporter für die Selbstzensur. „Sie kennen deine Familie, sie wissen, wo du wohnst“, sagt der Korrespondent des Magazins „Proceso“ im Bundesstaat Oaxaca, Pedro Matías. „Sie wissen, wie sie dich unter Druck setzen, wie sie dich einschüchtern können, damit du nicht berichtest.“

Doch auch die Hauptstadt ist längst kein sicherer Zufluchtsort mehr: Im vergangenen Jahr wurde der regierungskritische Pressefotograf Rubén Espinosa mitten in Mexiko-Stadt erschossen, nachdem er wegen Anfeindungen in seiner Heimatregion in die anonyme Millionen-Metropole geflohen war.

„Sie können uns einschüchtern, sie können uns töten, aber wir dürfen nicht zulassen, dass sie uns brechen“, sagt die Journalistin Lucy Sosa aus Ciudad de Juárez an der Grenze zu den USA. „Wir haben hier bereits zwei Kollegen verloren. Aber das zeigt nur, dass wir unsere Arbeit fortsetzen und die Gesellschaft weiter informieren müssen.“

Die Einschüchterung der Presse läuft über verschiedene Stufen, wie Marta Durán erklärt. Zunächst werde versucht, eine gewogene Berichterstattung zu kaufen. Wenn das nicht funktioniert, folgten Einschüchterungsversuche oder Verleumdungsklagen, sagt die Journalistin. Am Ende der Eskalationskette stünden tätliche Angriffe, Entführungen und Mord. „Es ist das alte Prinzip „Plata o Plomo“ (Geld oder Blei)“, sagt Durán.

In Tamaulipas im Nordosten von Mexiko kämpfen das Golf-Kartell und das Verbrechersyndikat „Los Zetas“ erbittert um die Kontrolle - für Journalisten gleicht die Arbeit dort mittlerweile dem Einsatz in einem Kriegsgebiet. „In einigen Regionen hier in Tamaulipas kann man keinen Journalismus mehr machen, wegen der Drohungen und der Gewalt gegen die Medienvertreter“, sagt Enrique Juárez, der bereits entführt wurde.

Häufig rufen die Drogenkartelle direkt in den Redaktionen an und geben ihre Wünsche durch. Manchmal wollen sie, dass über ihre Gräueltaten berichtet wird, manchmal nicht. Für die Journalisten ist die Agenda meist völlig undurchsichtig. Mehrere Provinzzeitungen haben deshalb bereits erklärt, grundsätzlich nicht mehr über Kriminalität zu berichten, um nicht zwischen die Fronten zu geraten.

„Entweder, du tust, was sie dir sagen, oder du stirbst“, sagt der Direktor der Zeitung „El Mañana“ aus Tamaulipas, Hildebrando Deándar. „Dadurch entsteht eine Stille, in der wir alle verlieren.“

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