Neu Delhi - In Indien gibt es mehr Handys als Toiletten. Der neue Premierminister des Subkontinents ist nun angetreten, diese Differenz zumindest zu verkleinern. „Brüder und Schwestern“, sagte Narendra Modi in seiner ersten Rede zum Unabhängigkeitstag mit Pathos in der Stimme, „ihr müsst schockiert darüber sein, dass der Premierminister von Sauberkeit und der Notwendigkeit zum Toilettenbau spricht“. Doch komme er – übrigens anders als die meisten seiner Vorgänger – selbst aus einer armen Familie. „Ich weiß, wie Armut aussieht.“
Wenig später setzte Modi sich und dem Land ein ehrgeiziges Ziel: In fünf Jahren soll jeder der 1,25 Milliarden Inder eine Toilette benutzen können. Kein einfaches Vorhaben, denn nach jüngsten Zensusdaten geht etwa die Hälfte der Inder fürs Geschäft aufs Feld oder in die nächste Ecke. Ein Drittel aller Freiluft-Klogänge weltweit.
Das hat schlimme Folgen für die Gesundheit der Menschen wie etwa Durchfallerkrankungen, Parasiten und Tuberkulose; auch die in Indien weit verbreitete Unterernährung von Kindern sehen viele Wissenschaftler im Zusammenhang mit dem Toilettenmangel. Schon der Vater der Nation, Mahatma Gandhi, schimpfte 1925 über die Unsauberkeit seiner Landsleute.
Es ist nicht so, dass sich die Regierungen in Neu Delhi des Problems seitdem nicht angenommen hätten. Unzählige Programme wurden aufgelegt – doch immer wieder dienten die Toiletten in den Slums und in den Dörfern nach dem Abzug der Helfer als Ziegenstall und Lagerplatz.
In Mator etwa, einem 5000-Einwohner-Ort irgendwo mitten in den Zuckerrohrplantagen von Uttar Pradesh im Norden Indiens, ist noch kein Geld für Toiletten angekommen. Und selbst aufbringen könnten sie die 500 bis 1300 Euro für ein solches Örtchen nicht, sagen die Bewohner. Also gehen die meisten über die Nationalstraße auf die Felder und lassen dort neben dem Stacheldrahtzaun, der die Pflanzen schützen soll, die Hosen herab.
„Mein sechsjähriger Arun wurde auf dem Highway von einem Lastwagen überrollt, als er am Morgen vom Feld zurückkam. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus“, erzählt Radha Devi eine der unzähligen Toiletten-Geschichten in dem Ort. Sofort habe die Familie einen Kredit für ein Bad aufgenommen.
Was Indien auch bräuchte, meinen die Forscher des Forschungsinstituts für Mitfühlende Ökonomie in Neu Delhi, sei nicht nur ein Programm zum Latrinen-Bau, sondern auch zur Latrinen-Verwendung. Bei ihren Befragungen im Norden Indiens fanden sie heraus, dass in mehr als einem Drittel der Familien, die irgendeine Form von Toilette haben, mindestens ein Familienmitglied diese nicht benutzt.
