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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Interview: „Er hat nichts aus dem Leben gemacht“

05.03.2021
Der Verbrecher Thomas Drach sitzt seit Ende Februar wieder in Haft. Wegen dreier Raubüberfälle droht ihm erneut eine lange Strafe. Sein Ent- führungsopfer Jan Philipp Reemtsma erklärt, warum das Gericht Drach schon 2001 hätte strenger behandeln sollen.
Frage: Sie haben mal geschrieben: „Nie tat es mir gut, irgendetwas über die Entführer zu hören oder zu lesen.“ Gilt das noch?

Reemtsma: In gewissem Sinne gilt das noch. Denn wissen Sie, ich habe mich damals als Nebenkläger vor Gericht mit meinem Anwalt für eine Sicherungsverwahrung ausgesprochen. Ich habe gesagt, dass dieser Mensch, wenn er vor Gericht stand, Thomas Drach, in seinem Leben nichts weiter gemacht hat, als kriminelle Handlungen zu begehen. Er weiß gar nicht, wie man anders durchs Leben kommt. Und es war klar, dass das, was er tat, immer gefährlicher für andere Menschen wurde. Seine Idee war, einmal so viel Geld zusammenzubekommen, dass er entweder einen luxuriösen Lebensabend hat oder das als Startkapital verwendet für ein weiteres, noch größeres Verbrechen. Das ist ihm alles misslungen. Ich kann nur mit Schulterzucken sagen: Ja, ich hab’s gesagt, so wird es kommen. Genauso ist es gekommen. Jetzt sind da zwei Menschen schwer verletzt, weil er nicht in Sicherungsverwahrung genommen wurde. Die wären sonst unverletzt. Das ist das einzige, was ich dazu sagen kann. Da ist man nicht fröhlich deswegen.

Frage: Haben Sie noch Rachegefühle? Sie haben mal geschrieben, dass es dem Opfer guttut, Rachegefühle zu haben.

Reemtsma: Ja, es tut ihm schlecht, solche Gefühle zu unterdrücken. Aber ich habe auch immer gesagt, dass es keinen Ort gibt für diese Rachegefühle, keinen legitimen Ort. Zudem befriedigt es einen ja nicht – in eigener Sache nicht –, wenn jemand soundso viele Jahre im Gefängnis sitzt, und freut sich darüber. Rachefantasien sind solche von persönlicher Vergeltung, man triumphiert über den anderen. Das sind aber doch alles Fantasiespiele, die haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Menschen sind gut beraten, so etwas in der Wirklichkeit nicht aufsuchen zu wollen. Sie würden enttäuscht. Oder selbst kriminell.

Frage: Sie haben auch geschrieben, dass Sie als Entführungsopfer einmal den Wunsch hatten, Ihr Entführer möge hinter Gittern verrotten. Haben Sie das Gefühl noch?

Reemtsma: Ich habe über einen momentanen Affekt geschrieben. Es ist gut, wenn man solche Affekte nicht verleugnet. Aber das ist auch alles.

Frage: Im zu erwartenden Prozess würde sicherlich auch die Vorgeschichte von Thomas Drach erörtert werden. Wenn jemand Sie noch einmal als Zeuge laden wollte, würden Sie das machen?

Reemtsma: Wenn ich in dieser Sache geladen würde, müsste ich kommen.

Frage: Und dann würden Sie Ihre Zeugenpflicht gern erfüllen oder würden Sie mit vielen inneren Widerständen da hingehen?

Reemtsma: Ich würde mich ­sicher nicht darauf freuen, das noch mal zu machen. Das ist eine psychisch anstrengende Angelegenheit, etwas, was einem doch sehr nahegeht, noch mal vor irgendeinem Publikum auszubreiten. Aber was gemacht werden muss, muss gemacht werden.

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