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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Jahrzehntelang brutaler Kindesmissbrauch vertuscht

22.04.2016

Busan Es ist nichts weiter, als ein Brot in seiner Tasche, das das Schicksal von Choi Seung Woo besiegelt. Ein Polizist stoppt den damals 14-jährigen Südkoreaner und beschuldigt ihn, das Brot geklaut zu haben. Als Choi das abstreitet, reißt der Polizist ihm die Hose herunter, drückt ihm einen Zigarettenanzünder zwischen die Beine, bis er ein Verbrechen gesteht, das er nicht begangen hat. Zwei Männer zerren ihn dann in ein Heim bei Busan, in denen mit die schlimmsten Verbrechen der jüngeren Geschichte Südkoreas begangen wurden.

Ein Wachmann vergewaltigt Choi in jener Nacht im Jahr 1982 - und auch in den dann folgenden. Insgesamt muss er fünf Jahre Sklavenarbeit und nahezu tägliche Übergriffe aushalten. In dieser Zeit sieht Choi auch, wie andere Gefangene zu Tode geprügelt und ihre Leichen wie Müllsäcke weggekarrt werden.

Choi war einer von Tausenden - Obdachlose, Alkoholiker, Kleinkriminelle, Dissidenten und vor allem viele Kinder -, die besonders in den Jahren vor den Olympischen Spielen in Seoul 1988 von den Straßen geholt und weggesperrt wurden. Die Nachrichtenagentur AP erfuhr in Interviews mit Opfern, Zeugen, Ermittlern und aus erstmals zugänglichen Regierungsdokumenten von Hunderten Todesfällen und Vergewaltigungen, für die auch zwei Jahre vor den nächsten Olympischen Spielen in Südkorea - 2018 in Pyeongchang - niemand zur Verantwortung gezogen worden ist.

Das ehemalige Waisenhaus namens Brüderheim in den Bergen bei Busan war nur eine von 36 Einrichtungen in ganz Südkorea, in denen Unerwünschte untergebracht wurden, nachdem Machthaber Park Chung Hee 1975 zur Säuberung der Straßen von „Herumtreibern“ aufgerufen hatte. Viele von ihnen glichen eher Zwangslagern als Heimen. Nach Regierungsdokumenten nahm die Zahl der Insassen nach der Vergabe der Olympischen Spiele, für die sich das Land in gutem Licht präsentieren wollte, sprunghaft zu. 1986 waren es mehr als 16 000.

Dass der Skandal bis heute nicht an die Öffentlichkeit geriet, hängt vor allem damit zusammen, dass auf höchster Ebene versucht wurde, ihn zu vertuschen. Park Hee Tae, in den 1980ern Staatsanwalt in Busan, später Justizminister und heute noch Regierungsberater, habe alle Untersuchungen im Keim erstickt, sagte der damalige Ermittler Kim Yong Won. Park ließ mitteilen, er könne sich nicht daran erinnern.

Trotz der Enthüllungen will die Regierung den Skandal nicht neu aufrollen. Sie blockierte einen entsprechenden Antrag der Opposition im Parlament. Ein Sprecher des Innenministeriums sagte, die Opfer aus dem Brüderheim hätten sich bereits vor zehn Jahren melden sollen, als eine Wahrheitsfindungskommission Menschenrechtsverletzungen aus der Vergangenheit Südkoreas untersuchte. „Wir können nicht für jeden Zwischenfall ein eigenes Gesetz machen“, sagte der Sprecher.

Allein im Brüderheim waren es 4000 Insassen, die Zwangsarbeit in 20 Fabriken verrichteten und daneben Missbrauch, Vergewaltigungen und den Tod fürchten müssten. 90 Prozent von ihnen hätten nicht einmal dort sein dürfen, weil sie nicht unter die von der Regierung vorgegebene Definition von „Herumtreibern“ fielen, sagte Ex-Ermittler Kim.

Lee Chae Sik kam mit 13 ins Brüderheim, weil er Probleme in der Schule hatte. Auch er sei von einem Wärter vergewaltigt worden und habe danach einen Selbstmordversuch unternommen. Fast jeden Tag habe der Hauptverantwortliche für die Durchsetzung der Disziplin im Heim, Kim Kwang Seok, Insassen brutal zusammenschlagen lassen, sagte Lee. Als sein persönlicher Assistent habe er, Lee, dabei auch die Zahl der Toten erfassen müssen. Oft seien es vier oder fünf pro Tag gewesen. Die AP konnte Kim nicht ausfindig machen. Der Besitzer des Heims, Park In Keun, lehnte jede Stellungnahme ab.

Parks früherer Stellvertreter Lim Young Soon sagte, dass die hohe Zahl der Todesopfer im Brüderheim damit zusammenhänge, dass viele schon in schlechtem Gesundheitszustand dorthin gekommen seien. „Das waren Leute, die auf der Straße sowieso gestorben wären.“ Von 1975 bis 1986 wurden 513 Tote registriert, die richtige Zahl war aber vermutlich deutlich höher.

Durch die Gewalt, Missbrauch und Einschüchterung wurde auch ein lukratives Geschäft finanziert. Die Insassen stellten in den Fabriken im Brüderheim Kleidung und andere Waren her. Offiziell sollte das dazu dienen, sie auf künftige Jobs vorzubereiten. Mindestens elf der Fabriken machten aber mit Ende 1986 Profit, wie aus Regierungsdokumenten hervorgeht.

Reich wurde dadurch vor allem Park, der Besitzer des Heims. Zudem erhielt er zwei staatliche Orden für seinen Einsatz als sozialer Wohltäter. 1985 entstand sogar ein Fernsehfilm über seine „heroische Aufopferung“ für die Unterprivilegierten. Sein ehemaliger Vize Lim sagte, Park habe seine Stadt Busan besser gemacht, in dem er sie von Problemfällen gereinigt habe.

Dass das Brüderheim schließlich geschlossen wurde, war einem Zufall geschuldet. Ermittler Kim, damals gerade neuer Staatsanwalt in der Stadt Ulsan, beobachtete während einer Fasanenjagd zufällig, wie Insassen des Heims ein Haus für Inhaber Park bauten. Mit zehn Polizisten führte Kim daraufhin im Januar 1987 eine Razzia durch, um den Zuständen dort auf den Grund zu gehen. Doch wegen der Olympischen Spiele im Jahr darauf sei sogar aus dem Präsidentenpalast die Order gekommen, die Ermittlungen einzuschränken, wie aus Dokumenten der Staatsanwaltschaft hervorgeht.

Park wurde 1989 schließlich sogar verurteilt, allerdings nur wegen Veruntreuung, Verletzung der Bauvorschriften und der Devisengesetze. Das Urteil lautete: 30 Monate Haft.

In den 1990ern wurden bei Bauarbeiten in der Nähe rund 100 menschliche Knochen gefunden. Immer wieder hätten Wärter Leichen in die Wälder getragen, erinnern sich die Ex-Insassen Choi und Lee, als sie gemeinsam mit der AP wieder den früheren Standort des Heims besuchen, an dem heute hohe Wohnblöcke stehen. „Es könnten noch Hunderte Leichen da draußen sein“, sagt Lee und zeigt auf die steilen Hänge. Niemals werde er die Gräuel von damals vergessen. „Das wird uns verfolgen, bis wir sterben.“

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