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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Jeder fünfte US-Amerikaner kann nicht richtig lesen

06.09.2014

Washington Als Erwachsener nicht lesen zu können sei „enorm schwierig und sehr anstrengend“, sagt der Rentner Milton Whitley aus Gaithersburg in Maryland, einem Vorort von Washington. Whitley, früher Maurer und Hilfsarbeiter, hat erst im Alter von 52 Jahren lesen gelernt. Zuvor konnte er Adressen nicht entziffern, Freunde füllten für ihn Formulare aus, im Job stieg er nicht auf. Noch schlimmer: Er sei auf die schiefe Bahn geraten, sei kriminell geworden, habe Drogen genommen, erzählt Whitley.

Nach Schätzung der Stiftung „World Literacy Foundation“ können rund 22 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner nicht oder nur begrenzt lesen. Bei der Pisa-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zum internationalen Vergleich von Alltagswissen liegen die USA unter dem Durchschnitt. In Deutschland kann nach Studien jeder siebte Erwachsene kaum lesen und schreiben.

Whitley fand Hilfe beim örtlichen Alphabetisierungsverband „Montgomery Literacy Council“. Man wisse nicht genau, wie viele Erwachsene wirklich nicht lesen können, erklärt Shelley Block vom Verband. Viele schämten sich und „verstecken ihr Lese- und Schreibproblem sehr geschickt“. Whitley kam 2005 nach dem Tod seiner Lebensgefährtin, die für ihn Schriftliches erledigt hatte, zum Alphabetisierungsverband. Das Lesenlernen mit Anleitung einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin habe Jahre gedauert.

Whitley wuchs in Greenville in North Carolina auf, bettelarm in einer großen Familie, die Mutter alleinerziehend. „Damals gab es in der Schule Prügel, wenn man etwas nicht konnte“, erzählt Whitley. Das habe nicht geholfen, und mit 14 sei er einfach nicht mehr hingegangen.

Heute gehört die Forderung nach Chancengleichheit in der Schulbildung zum politischen Mantra. Präsident Barack Obama hat Reformen vorgelegt zur Förderung von Vorschulkindern. George W. Bush unterzeichnete schon 2001 das „No Child Left Behind“-Gesetz (kein Kind zurücklassen). Es setzt auf verstärktes Testen und vermehrte Lehrerbewertungen. Das Ziel war: Alle Kinder sollten bis zum Jahr 2014 für ihre Altersstufe geeignete Texte lesen können.

Davon sind die USA weit entfernt. Der Bildungsexperte Michael Rebell von der Columbia Universität in New York zweifelt an den politischen Bekenntnissen zur Chancengleichheit. Wenn man es wirklich ernst meinte, würde die Gesellschaft mehr Mittel bereitstellen. Es sei auch nicht ganz richtig, von einem „amerikanischen Bildungsproblem“ zu sprechen, kritisiert der Wissenschaftler. Amerika habe vielmehr ein Armutsproblem. Schüler aus wohlhabenden Elternhäusern hätten nur selten gravierenden Leseprobleme, denn sie gingen in gute Schulen.

Armut ist in den USA eng verknüpft mit der Hautfarbe: Nach Angaben des „Children“s Defense Fund“ wachsen 39,6 Prozent aller afroamerikanischen Kinder in Armut auf. Im ärmsten der acht Regierungsbezirke in Washington, dem Bezirk 8 im Südosten der Stadt, stellen Afroamerikaner über 90 Prozent der Bevölkerung. Dort wächst jedes zweite Kind in Armut auf. Im wohlhabendsten, dem Bezirk 3 im Nordwesten, wohnen vorwiegend Weiße: Die Kinderarmutsrate liegt dort unter fünf Prozent. Nach Regierungsangaben lesen im Bezirk 8 nur 23,8 Prozent der Kinder entsprechend ihrer Altersstufe, im Bezirk 3 sind es 82,6 Prozent.

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