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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Wenn die Pflege zum Martyrium wird

29.11.2018

Karlsruhe Ein Hilfenetzwerk bittet die Polizei um dringenden Hausbesuch wegen Verdachts auf Misshandlung. Eine Tagespflege erzählt von handtellergroßen Hämatomen an Hüfte und Gesäß einer Demenzkranken. Die Polizei berichtet, dass eine pflegebedürftige Frau von ihrem Ehemann aus dem Auto gezogen und ihr mit der Faust ins Gesicht geschlagen wurde. Bei all diesen Vorfällen geht es um Gewaltsituationen in der Pflege zu Hause.

Die Fallbeispiele stammen aus dem Landkreis Tuttlingen nordwestlich vom Bodensee, wo sich derzeit das nach eigenen Angaben bundesweit einmalige Projekt „Erwachsenenschutz“ dem Umgang mit, wie es Projektleiter Wolfgang Hauser formuliert, „problematischen Pflegearrangements“ widmet. Und das aus gutem Grund: „Am Pflegestützpunkt des Landkreises häuften sich die Hinweise auf Gefährdungssituationen“, sagt Hauser, Sozialplaner im Landratsamt.

Das will das Projekt ändern, vom Sozialministerium wird es über drei Jahre mit
110 000 Euro gefördert. Das besondere Abhängigkeitsverhältnis der Pflegebedürftigen im Wohnumfeld mit oft eingeschränkter sozialer Kontrolle bringe die Betroffenen häufig in ein Dilemma, sagt eine Ministeriumssprecherin. Das Projekt solle eine „Sorgekultur im Zusammenwirken von Familien, sozialen Nachbarschaften, Freiwilligen sowie Professionellen“ schaffen.

Besonders Menschen mit Demenz sind laut des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) gefährdet, Opfer von Gewalt in der Pflege zu werden. Anschreien, demütigen, bevormunden, zu lange auf dem Klo sitzen lassen, zu lange warten lassen, nicht ernst nehmen – die Gewalt gegen Pflegebedürftige, ob in einer Einrichtung oder zu Hause, ist vielfältig, schwer zu fassen und fängt lange vor strafrechtlich relevanten Übergriffen an.

Dass das Thema viele bewegt, zeige auch das Interesse am ZQP-Portal www.pflege-gewalt.de, das den Angaben zufolge vor allem von pflegenden Angehörigen genutzt wird. Das ZQP hatte schon 2017 eine Studie zur Gewalt in Pflegeeinrichtungen veröffentlicht und 2018 mit einer Studie zum Thema Gewalt in der häuslichen Pflege nachgelegt. Demnach haben viele pflegende Angehörige mit negativen Gefühlen zu kämpfen, fühlen sich etwa niedergeschlagen (36 Prozent) oder verärgert (29 Prozent).

Fast jeder Dritte (rund 32 Prozent) der gut 1000 Befragten gab an, in den vergangen sechs Monaten gegen die pflegebedürftige Person psychisch gewalttätig gewesen zu sein. Von körperlicher Gewalt berichteten zwölf Prozent. „Vieles bleibt im Dunkeln. Keine Statistik kann das erfassen“, sagt Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung Patientenschutz. Hinzu kommt auch die schnell übersehene, nach ZQP-Angaben kaum erforschte Aggression Pflegebedürftiger gegen die, von denen sie gepflegt werden.

Dabei ist die Bereitschaft zu Familienpflege nach Expertenansicht hierzulande einzigartig. „Sogar in Italien wird weniger gepflegt, von Frankreich ganz zu schweigen“, sagt Thomas Klie, der an der Evangelischen Hochschule in Freiburg lehrt und das Tuttlinger Projekt begleitet.

Allein aus Begutachtungen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) habe sich ergeben, dass etwa 15 bis 20 Prozent der zu Hause versorgten Menschen mit Demenz fixiert, sediert und/oder eingesperrt werden, sagt Klie. Nach Hausers Worten ist oft die Überlastung von Angehörigen Grund für solche Handlungen. Sie würden im Stich gelassen und weder beraten noch begleitet. „Man erkauft sich die Familienpflege durch Weggucken, indem man sich mit der Lebenssituation der Menschen mit Pflegebedarf nicht in ausreichender Weise auseinandersetzt“, sagt Klie.

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