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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Wohin wurde die Wilke-Wurst geliefert?

09.10.2019

Korbach /Hannover Erst kamen die Lebensmittelkontrolleure, dann die Reporter – jetzt ist es still auf dem Gelände der Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren GmbH. Der Himmel ist grau, es nieselt. Der Betrieb mit 200 Mitarbeitern ist geschlossen und hat Insolvenz angemeldet. Nur vereinzelt fahren Autos vor. Vor einer Woche begann hier im nordhessischen Twistetal-Berndorf der Fall Wilke.

Mehrfach waren Listerien in Wilke-Produkten entdeckt worden. Die Keime können für Menschen mit geschwächtem Immunsystem lebensgefährlich sein. Sie sind laut Behörden für zwei Todesfälle in Südhessen verantwortlich, 37 weitere Krankheitsfälle hängen möglicherweise mit Wilke-Fleisch zusammen.

Vielleicht sind es mehr Todesfälle: Wie am Dienstag bekannt wurde, fanden Behörden in Niedersachsen bei drei Erkrankten einen Keimtyp, der genetisch eng mit den Listerien verwandt ist, die in den Waren der Firma Wilke nachgewiesen wurden. Die drei erkrankten Menschen sind zwischen 50 und 90 Jahre alt. Zwei von ihnen sind gestorben – einer von ihnen starb an einer anderen Erkrankung, bei der zweiten Person habe nicht ermittelt werden können, ob die Listeriose-Erkrankung die Todesursache war.

Eine Woche nach Schließung des Betriebs wird vor allem um eine Frage gerungen: Wohin wurde die Wilke-Wurst geliefert? Antreiber der Debatte ist die Verbraucherorganisation Foodwatch. Ihr zentrales Argument: Trotz einer weltweiten Rückrufaktion können sich Verbraucher nicht sicher sein, keine Wilke-Wurst auf dem Teller zu haben. Zwar haben Behörden mittlerweile auf Druck von Foodwatch Listen mit Hunderten von betroffenen Produkten herausgegeben. Doch das ändere nichts. „Die Ware ging schließlich auch undeklariert in Restaurants, Kantinen oder an Wursttheken in den Verkauf“, sagte Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker. Offen sei zudem, ob Wilke an die Lebensmittelindustrie zur Weiterverarbeitung geliefert habe.

Deshalb hatte Foodwatch den Behörden eine Frist gesetzt: „Wir wollen wissen, was den Behörden bisher über die Verkaufs- und Abgabestellen der zurückgerufenen Wilke-Produkte bekannt ist“, sagte Rücker. Die Frist lief am Dienstagmittag aus – ohne Antwort auf den Eilantrag von Foodwatch und ohne Herausgabe der Kundenliste. Die Organisation reichte deswegen nach eigenen Angaben einen Eil-Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung gegen den Landkreis Waldeck-Frankenberg beim Verwaltungsgericht Kassel ein.

Das hessische Umweltministerium hatte eine Antwort an Foodwatch angekündigt. Es erklärte aber auch, dass eine Liste, wie sie gefordert werde, nicht existiere. Mit der Aufklärungsarbeit der Behörden ist Foodwatch unzufrieden. Die Verbraucherorganisation wirft dem Land unter anderem vor, bereits am 12. August vom Listerien-Verdacht beim Wursthersteller Wilke erfahren zu haben. Der Landkreis Waldeck-Frankenberg als zuständige Behörde für die Lebensmittelüberwachung im Fall Wilke und das Land Hessen haben eine Untersuchung der Vorgänge angekündigt. Linke, FDP und SPD fordern Aufklärung von Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Grüne).

Bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hatte Wilke keinen guten Ruf: Die Belegschaft sei unter Druck gesetzt worden, es habe Schikanen gegen Mitarbeiter gegeben, der Krankenstand sei hoch gewesen. „Das war ein Regime des Schreckens und der Angst“, sagte NGG-Geschäftsführer Andreas Kampmann.

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