London - Immer wieder stört eine Sirene die merkwürdig ruhige Atmosphäre, ein Hubschrauber kreist über dem reichen Viertel im Londoner Westen, und am Supermarkt um die Ecke parken Feuerwehrautos. Ein Krankenwagen fährt in den abgesperrten Straßenabschnitt der Exhibition Road. Diese Straße ist an normalen Samstagen ein Herzstück des Londoner Tourismus: Auf ihr pilgern Musikliebhaber zur Royal Albert Hall, ihr entlang strömen Pop- und Modefans zum Victoria and Albert- sowie zum Science Museum, und Kinder zerren ihre Eltern zum Natural History Museum, dem Museum für Naturgeschichte.

Das ändert sich schlagartig um zwanzig Minuten nach zwei am Samstagnachmittag. Laut Metropolitan Police fährt ein Auto auf den Gehweg vor dem Museum für Naturgeschichte und verletzt mehrere Menschen. Rettungsdienst und Polizei teilen später mit, man habe elf Patienten behandelt, unter ihnen ist auch der Fahrer. Ihn drücken Passanten nach dem Vorfall auf den Boden. Die Polizei nimmt ihn vorläufig fest. Sofort machen sich Gerüchte breit, denn natürlich befürchten die Londoner nach Anschlägen mit Autos auf Westminster Bridge und London Bridge das Schlimmste.

Die nächstgelegene U-Bahn-Station South Kensington wird nach dem Vorfall evakuiert. Der Mitarbeiter eines Zeitungsladens beschreibt, wie alle Passagiere die Station in Panik verlassen hätten, er selbst habe nur das Eisenrollo heruntergelassen und sei weggerannt. Später ist er in den Laden zurückgekehrt, die Züge fahren wieder, die Touristen schlendern vorbei. „Jetzt mache ich mir keine Sorgen mehr, weil die Polizei so schnell da war – aber schön ist das nicht!“

Die Atmosphäre ist gedämpft, aber entspannt. Ein junges spanisches Pärchen zu Besuch in London sagt, sie seien nicht beunruhigt. Und Cam Gow (33), der lange Zeit in London gelebt hat und mit seiner Freundin das Natural History Museum besuchen wollte, meint, es sei sehr traurig, dass man sich an solche Szenarien gewöhnen müsse.

Doch zum Glück, so scheint es am Samstagabend, war es diesmal lediglich ein Unfall, der einigermaßen glimpflich ausgegangen ist. Die Polizei lässt den Unfallfahrer am Sonntag wieder frei. Die Ermittlungen gehen zwar weiter – nicht wegen Terrorverdachts, aber wegen des Vorwurfs der Verkehrsgefährdung.