• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Panorama

Von Grauen, Lehren und Trost

27.07.2019

Lügde Seit einem halben Jahr sorgt der Missbrauchsfall Lügde für Empörung in der Öffentlichkeit. Ende Januar kam der hundertfache sexuelle Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz im Kreis Lippe an der Landesgrenze zu Niedersachsen ans Licht, dann sorgten Pannen bei den Behörden für immer neue Schlagzeilen. Sechs Monate später gibt es die ersten Prozesse. Ein Überblick:

Die Prozesse

Der Prozess gegen die Hauptangeklagten Andreas V. (56) und Mario S. (34) wird am 1. August fortgesetzt. Ihnen wirft die Anklage hundertfachen sexuellen und schweren sexuellen Missbrauch von Kindern vor. Das Landgericht Detmold hat bis Ende August weitere Termine angesetzt. Beide Männer sind geständig.

In einem abgetrennten Verfahren hat das Landgericht einen 49-jährigen Mann aus Stade zu einer zweijährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Er soll bei dem Missbrauch auf dem Campingplatz in vier Fällen von 2010 bis 2011 per Video-Übertragung teilgenommen haben. Angeklagt war er wegen Anstiftung und Beihilfe zum sexuellen und schweren Missbrauch von Kindern. Zu seinen Gunsten hatte das Gericht ein umfassendes Geständnis gewertet. Auch war er nicht vorbestraft und seit acht Jahren auch nicht mehr auffällig gewesen.

Bei Kinderschützern und in der Öffentlichkeit war das Urteil empört als zu milde kritisiert worden. Rechtsexperten sahen das anders. In der Zeitung „Neue Westfälische“ bezeichnete der Direktor des Instituts für Kriminalwissenschaften der Uni Münster das Urteil als nachvollziehbar. „Die Kammer hatte so viele mildernde Umstände vorliegen, darauf musste sie reagieren“, sagte Professor Dr. Michael Hegh­manns.

Die Ermittlungen

Nach Angaben einer Sprecherin der Polizei Bielefeld werde weiterhin gegen zwei Polizeibeamte wegen des Verdachts der Strafvereitelung im Amt sowie gegen acht Mitarbeiter von Jugendämtern und gegen vier Mitarbeiter anderer sozialer Organisationen ermittelt. Hier geht es um den Verdacht, dass die Fürsorgepflicht verletzt wurde.

Die Politik

Einen Tag vor Prozessstart am Landgericht Detmold hat der nordrhein-westfälische Landtag einen Untersuchungsausschuss zum Missbrauchsfall Lügde eingesetzt. Mit Unterstützung aller Fraktionen will die Politik Ermittlungspannen und Behördendefizite unter die Lupe nehmen. Der parlamentarische Untersuchungsausschuss, kurz „PUA Kindesmissbrauch“, soll die drei Themenbereiche Polizei und Staatsanwaltschaft, Jugendämter sowie den Umgang der Landesregierung mit dem Fall genauer beleuchten.

Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte sich stets tief betroffen von den Fällen der sexuell missbrauchten Kinder gezeigt und früh Behördenversagen angeprangert. Den Kampf gegen Kindesmissbrauch machte er zur Chefsache und setzte im April eine eigene Stabstelle in seinem Ministerium ein. Die drei Mitarbeiter sollen strukturelle Defizite bei den Ermittlungen aufarbeiten und Vorschläge machen, wie Kinderpornografie und sexueller Missbrauch bekämpft werden können.

NRW-Familienminister Joachim Stamp (FDP) beklagte nach dem ersten Urteil eine Rechtslücke: „Das Strafrecht reicht hier nicht aus. Es kann nicht sein, dass es bei einem solchen Vergehen, was Leben zerstört, eine Bewährungsstrafe geben kann.“ NRW werde sich im Bund für Strafrechtsverschärfungen einsetzen. Der niedersächsische CDU-Landeschef Bernd Althusmann will einen engeren Austausch der Behörden gegen Kindesmissbrauch erreichen und ebenfalls prüfen lassen, ob Änderungen im Strafgesetzbuch nötig sind.

„Bundesjustizministerin Lambrecht sollte die Initiative der Innenminister nicht von vornherein ablehnen. Uns wird immer wieder berichtet, dass Täter bei Besitz und Verbreitung von sogenannter Kinderpornografie oft mit lediglich 90 Tagessätzen Geldstrafe davonkommen. Dem enormen Anstieg von Missbrauchsabbildungen im Netz muss strafrechtlich viel konsequenter entgegnet werden“, sagt dazu der unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig.

Die Opferschützer

Astrid-Maria Kreyerhoff leitet den Verein Zartbitter in Münster. Die Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt wird seit dem Missbrauchsfall Lügde von Anfragen überrollt. Für die Experten ist eine der zentralen Fragen, „ob wir hier organisierte Gewaltstrukturen vorliegen haben. Zum strukturellen Problem gehört aber auch, dass die Jugendämter zu wenig Personal haben“, sagt Kreyerhoff: „Die Empörung ist größer geworden. Und der Fall Lügde hat etwas Positives. Die Betroffenen fühlen sich normalerweise isoliert. Vom Kopf her wissen sie zwar, dass es weitere Opfer gibt. Jetzt wird das aber sichtbar. Diese Öffentlichkeit stärkt daher die Opfer.“

Rörig wertet die Empörung über das erste Urteil als positives Signal: „Sie zeigt, dass die Sensibilität in Politik und Gesellschaft gestiegen ist und Taten, die im digitalen Raum ausgeführt werden, eine neue Bewertung brauchen.“

Der Experte

„Seit Lügde hat sich der Fokus beim Thema Missbrauch wieder auf den Bereich gerichtet, wo er hingehört. Nämlich auf die Familie und das Umfeld der Familie“, sagt Werner Meyer-Deters. Der Gewaltpädagoge aus Bochum berät Jugendämter, Familiengerichte und Polizeibeamte. Nach seiner Einschätzung passieren rund 80 Prozent der Fälle in der Familie. Daher habe ihn die Nachricht von dem Campingplatz nicht überrascht. „Solche Strukturen gibt es auch zum Beispiel in Schrebergärten oder Siedlungen mit einer Nachbarschafts-Gruppe“, sagt der Experte. „Es ist gut, dass durch den Fall Lügde das Thema nachlässiger Umgang mit Pflegefamilien nochmals thematisiert wurde. Hier gibt es ein hohes Risiko für sexuellen Missbrauch.“ Die Jugendämter, Fachkommissariate und Familienrichter müssten nach seiner Auffassung noch mehr für das Thema sexualisierte Gewalt sensibilisiert werden.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.