Berlin - Die große Masernwelle in Berlin bereitet Virologen zunehmend Sorgen. „Es ist beängstigend, wie lange der Ausbruch auf diesem hohen Niveau anhält“, sagte Hartmut Hengel, wissenschaftlicher Beirat der Arbeitsgemeinschaft Masern am Berliner Robert-Koch-Institut. Deutschland müsse aus dem aktuellen Ausbruch Lehren ziehen und die Impflücken bundesweit in allen Bevölkerungs- und Altersschichten schließen. Vor allem in Großstädten könnten sich Masernviren rasch ausbreiten, betonte der Experte.

Seit Oktober sind in der Hauptstadt rund 850 Menschen an Masern erkrankt, darunter viele Erwachsene. Ein Kleinkind starb im Februar an den Folgen der Infektion. Noch immer gibt es pro Tag rund 15 neue Meldungen. Ein Viertel der Patienten kam bisher ins Krankenhaus.

Die Hauptgründe für den starken und langen Ausbruch sieht der Experte neben Unwissenheit in der Bevölkerung in großen Impflücken bei jüngeren Erwachsenen. Eine Rolle spielten aber auch Defizite in der Gesundheitspolitik und bei hausärztlichen Versorgungsstrukturen. „Wir haben keine Tradition bei der Durchführung von sogenannten Catch-up-Impfungen, mit denen man systematisch Impflücken schließt“, kritisierte Hengel. „Vielleicht wird die Verantwortung für sich selbst und andere auch nicht ausreichend kommuniziert.“

Hengel leitet an der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität das Institut für Virologie. Die aktuelle Masernwelle wertet er als einen der größten deutschen Ausbrüche der vergangenen zehn Jahre. „Das Virus findet in Berlin beständig empfängliche Menschen vor. Das ist ein Grund zur Sorge“, sagte der Arzt.

In Berlin ergreifen die Gesundheitsbehörden nach Schulschließungen und Schulverboten für ungeimpfte Kinder inzwischen weitere Maßnahmen. Der Impfbeirat rief Eltern dazu auf, Babys schon mit neun Monaten impfen zu lassen – statt bisher mit elf Monaten. Der Appell richtete sich aber ebenfalls an Erwachsene. „Auch wer ein Baby auf den Arm nimmt, muss gegen Masern geschützt sein“, hieß es im Aufruf.