Berlin - Der nackte Mann steht unter Drogen, als er in den Neptunbrunnen am Berliner Alexanderplatz steigt. Er fuchtelt mit einem Messer herum und verletzt sich. Polizisten umringen den Mann, der sich als „Messias“ bezeichnet. Ein Polizist steigt ins Wasser, wohl um ihm zu helfen. Der verwirrte Mann geht auf ihn zu, bedroht ihn. Der Polizist weicht zurück, schießt ihm in die Brust. In wenigen Sekunden ist die Situation eskaliert. Der Schwerverletzte stirbt kurz darauf. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein: Notwehr.
Angekündigt
Der Fall ist nicht der einzige Polizeieinsatz mit tödlichem Ende. Mehr als 30 Menschen wurden in den vergangenen fünf Jahren bundesweit von Polizeikugeln getötet. Das geht aus Daten der Innenministerkonferenz hervor, die der Nachrichtenagentur dpa vorliegen.
In Hürth bei Köln etwa bedroht und verletzt ein Mann seine Frau mit einer Machete. Er wird von Polizisten erschossen. In Stuttgart schießt ein 36-Jähriger mit Platzpatronen in die Luft und stirbt durch Polizeikugeln. Im bayerischen Merching ruft ein 34-Jähriger die Polizei, greift sie mit einer Schreckschusspistole an und wird erschossen. Per SMS hatte er angekündigt, dass er sterben wolle.
Unverhältnismäßig
Nur wenige der getöteten Menschen waren Schwerkriminelle, ergaben Recherchen des Senders RBB. Rund zwei Drittel waren geistig verwirrt oder lebensmüde. Der Rechtsanwalt Hubert Dreyling vertritt die Angehörigen des Mannes aus dem Neptunbrunnen. Der Polizeieinsatz sei „völlig unverhältnismäßig“ gewesen, sagt er. Die Beamten hätten psychiatrische Hilfe holen müssen, anstatt ihre Pistolen zu ziehen.
Experten beklagen Defizite bei der Polizeiausbildung, was den Umgang mit psychisch kranken Menschen angeht. Das Vorgehen am Neptunbrunnen sei problematisch gewesen, sagt der Kriminalwissenschaftler Thomas Feltes. Tatsächlich hätten es Polizisten immer häufiger mit psychisch Kranken zu tun, sagte Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) dem RBB. Mehr Fortbildungen in diesem Bereich halte er aber für „nicht zielführend“.
