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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Der Raketen-Pionier, der zu früh starb

21.07.2019

Moskau Der Schock im Osten saß tief, der Jubel im Westen war groß: Als Neil Armstrong vor 50 Jahren als erster Mensch den Mond betrat, ließen die USA im Rennen um den Mond die Sowjetunion hinter sich. Dabei hatte Moskau zu Sowjetzeiten eine Geheimwaffe: das Technikgenie Sergej Koroljow. Der Konstrukteur ist für viele Etappensiege der Sowjets verantwortlich, seine Ideen machten Flüge ins Weltall und Reisen zur Internationalen Raumstation (ISS) möglich. Jahrzehnte später befeuern die Errungenschaften des Chefkonstrukteurs die Sehnsucht der Russen nach neuen Weltraumabenteuern. Doch kann das auch ohne ein Superhirn wie Koroljow gelingen?

Das Denkmal für die Weltraumerobererin der Nähe des Kosmonautenmuseums in Moskau. Foto: Claudia Thaler/dpa

In Moskau tummeln sich täglich viele Schüler im Teenageralter um das imposante Kosmonautenmuseum. Neben heroischen Statuen der Weltraumpioniere Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa ragt das mehr als 110 Meter hohe Denkmal für die Weltraumeroberer in den Himmel. Nach einem Ehrenmal für Koroljow müssen die Besucher länger suchen. „Wer will mal ins All fliegen?“, fragt ein Lehrer seine Schützlinge. Fast alle Hände der jungen Moskauer schießen in die Höhe.

Damit sind sie nicht allein: Jeder dritte Russe träumt heutzutage von einer Karriere als Raumfahrer, wie das Umfrageinstitut WZIOM ermittelte. Auch der Beruf des Raumfahrttechnikers liege hoch im Kurs, sagt der Experte Wjatscheslaw Klimentow vom Kosmonautenmuseum in Moskau der Deutschen Presse-Agentur. Das sei ein Verdienst Koroljows – der zu Lebzeiten nichts von solchen Lorbeeren abbekam.

Aus dem Gulag in den Kreml

Der ausgebildete Flugzeugbauer aus der heutigen Ukraine gilt als technische Wunderwaffe der Sowjetunion. Als angeblicher Volksfeind wurde er unter Diktator Josef Stalin in einem der berüchtigten Straflager in Sibirien eingesperrt. Im Zweiten Weltkrieg bekam die Entwicklung von Raketen Priorität – Koroljow kam frei. Nach Kriegsende wurde er 1945 nach Thüringen geschickt, um in der Kleinstadt Bleicherode deutsche Raketentechnik wie die V2-Fernkampfrakete zu studieren. Er arbeitete sich zum Chefkonstrukteur hoch, bekam gar eine Direktleitung in den Kreml. Seine Identität aber wurde aus Sicherheitsgründen wie ein Staatsgeheimnis gehütet.

Sergej Koroljow Foto: Kosmonautenmuseum/dpa

Bis zu seinem Tod 1966 zwei Tage nach seinem 59. Geburtstag konstruierte er abgeschirmt von der Öffentlichkeit Raketen, Satelliten und Raumschiffe. Unter seiner Leitung schossen die Sowjets 1957 „Sputnik 1“ – den ersten künstlichen Satelliten – in die Erdumlaufbahn. Die piepsende Kugel demonstrierte der Welt, dass die Sowjetunion im Weltraum vorne lag. Auf Grundlage der deutschen V2-Rakete wurde der Sputnik mit der Interkontinentalrakete R-7 ins All gebracht. Bis heute nutzen Techniker die Grundlagen für die Sojus-Raketen, die Raumfahrer wie den Deutschen Alexander Gerst zur ISS bringen.

Immer im Nacken saß Koroljow sein Rivale, der Deutsche Wernher von Braun, der das Rennen um den Mond letztlich für die Amerikaner entschied. „Kein einzelnes Raumfahrtprojekt in diesem Zeitalter wird die Menschheit mehr beeindrucken“, hatte der damalige US-Präsident John Kennedy im Vorfeld gesagt. Er sollte recht behalten.

„Einzigartiger Mensch, Genie, Technikgott“

Der eigentliche Grund für die Niederlage im All sei der frühe Tod des Chefkonstrukteurs gewesen, sagt der Wissenschaftler Klimentow. Seine Nachfolger seien an der Raketentechnik gescheitert. „Ich bin von einer Sache fest überzeugt: Wäre Koroljow nicht so früh gestorben, dann hätten wir es als erste Nation zum Mond geschafft.“ Hinter seinem Bürotisch im Erdgeschoss des Kosmonautenmuseums hängt ein riesiges Porträt von Koroljow. „Ein einzigartiger Mensch, ein Genie, ein Technikgott“, sagt Klimentow.

Russland will nach langer Durststrecke mit neuen Mondplänen den Ton im All angeben. Dafür müsse das Land auf Visionäre setzen und in die Ausbildung investieren, sagt Klimentow. „Wir müssen warten. Vielleicht kommt mal wieder so ein Genie wie Koroljow.“ Die Rivalen von einst müssten in schwierigen politischen Zeiten aber im All auch stärker zusammenarbeiten, meint der Experte. „Die großen Projekte wie Mondsiedlungen oder eine bemannte Reise zum Mars können nur in einer internationalen Kooperation erreicht werden.“

Die Raumfahrtbehörde Roskosmos will ab 2031 jährlich Menschen zum Mond schicken, die länger dort bleiben sollen. Gemeinsam mit den USA, China und Europa will Russland zudem eine Raumstation entwickeln, die um den Mond kreisen soll. Von dort aus sollen Flüge tiefer ins All möglich sein. Wie sie auch schon Koroljow anstrebte.

Mehr zur Mondlandung 1969 lesen Sie in unserem Online-Spezial.

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