MüNCHEN - Reiche Frauen waren sein Spezialgebiet. Er verführte sie und erleichterte sie um Millionen – so auch die reichste Frau Deutschlands, die Quandt-Erbin Susanne Klatten. Von Montag an muss sich der Schweizer Helg Sgarbi vor dem Landgericht München I verantworten. Susanne Klatten selbst hatte das Verfahren gegen den Mann, der sie umgarnte und dann mit verfänglichen Filmen erpresst haben soll, mit ihrer Anzeige ins Rollen gebracht.
Über die Jahre fielen eine ganze Reihe Frauen auf den inzwischen 44-jährigen Übersetzer herein. In München geht es um vier Fälle. Die Staatsanwaltschaft wirft Sgarbi viermal Betrug im besonders schweren Fall und in zwei Fällen zusätzlich versuchte Erpressung in besonders schwerem Fall vor. Keine Kavaliersdelikte: Allein auf Betrug im besonders schweren Fall stehen zehn Jahre Haft.
Wahrscheinlich müssen die Frauen vor Gericht aussagen. Denn Sgarbi schwieg bisher. „Den Geschädigten bleibt ein Erscheinen erspart, wenn der Beschuldigte den Vorwurf des Betrugs und der versuchten Erpressung voll umfänglich einräumt“, sagt Oberstaatsanwalt Anton Winkler. Spekulationen über mögliche Absprachen mit dem Angeklagten wies er zurück. Sgarbis Anwälte lehnen vor dem Prozess jede Stellungnahme ab.
Verführter Verführer?
Bereits vor etwa sechs Jahren war Sgarbi Medienberichten zufolge nach der Anzeige einer geprellten Frau wegen ähnlicher Vorwürfe in der Schweiz zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Zuvor hatte er eine über 80-jährige Comtesse, die ihn heiraten wollte, um hohe Beträge erleichtert. Die Millionensummen soll Sgabi einem Sektenführer in Italien gegeben haben. Es sieht so aus, als sei der Verführer selbst ein Verführter gewesen.
Seine Masche: „Zufällig“ lernte der Schweizer die Frauen in edlen Hotels kennen. Stets schaffte er es für eine bestimmte Zeit, seine Opfer an wahre Gefühle glauben zu lassen. Dabei trieb er sein Spiel teilweise parallel. Während er mit der einen zarte Bande knüpfte, war eine andere den Ermittlungen zufolge
schon unterwegs, um einen sechsstelligen Betrag für ihn von der Bank abzuheben. Sgarbi brachte die Frauen mit immer derselben rührenden Geschichte von einem Unfall mit einem schwer verletzten Kind zu den hohen Zahlungen. Er brauche Geld, um sich freizukaufen.
Verfängliche Videos
Bei Susanne Klatten gab er sich gleich zu Anfang als Sonderberater der Schweizer Regierung in politischen Krisengebieten aus; deshalb sei er immer wieder einmal für einige Tage nicht erreichbar. Warum ausgerechnet sie, korrekt, verheiratet, Mutter dreier Kinder, sich nach anfänglicher Ablehnung mit einem mutmaßlichen Kriminellen einließ, ist noch offen.
Susanne Klatten gab Sgarbi sieben Millionen Euro. Doch er wollte mehr. Sie solle sich von ihrem Mann trennen und mit ihm leben – und dabei 290 Millionen Euro locker machen als Stiftungseinlage. Die Altana-Aktionärin beendete die Beziehung; die Erpressungsversuche mit den Videos sollen begonnen haben.
Trotz des drohenden öffentlichen Interesses, das Susanne Klatten zeitlebens gemieden hat, verständigte sie die Polizei. Bei einer vereinbarten Geldübergabe im österreichischen Vomp klickten die Handschellen.
