Marktschellenberg - Fast 1000 Meter tief in der Riesending-Schachthöhle wartet der verletzte Höhlenforscher Johann Westhauser auf seine Rettung – drei Tage schon. Aber es gibt gute Nachrichten. Es geht ihm besser als befürchtet. Der 52-Jährige ist ansprechbar und kann mit Hilfe sogar stehen. Das ist extrem wichtig, denn ohne seine Mithilfe wäre der Weg nach oben extrem schwierig zu bewältigen. So gibt es eine besonders enge Stelle, durch die man nur kommt, wenn man den Kopf schräg legt, ausatmet und den Bauch einzieht.
Westhauser und seine beiden Kollegen waren bestens ausgerüstet. Sie wollten mehrere Tage in der Höhle bleiben. Der Verunglückte, der im Bereich Physik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) der Universität arbeitet, ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt; die Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden nahe der österreichischen Grenze war ihre größte Entdeckung. Die jetzige Exkursion hatte einen noch unerforschten Höhlenabschnitt zum Ziel. Doch so weit kamen die Forscher gar nicht. Auf nicht ganz 950 Metern Tiefe traf den 52-Jährigen ein Stein am Kopf.
Endlich sieht es auch danach aus, dass ein Arzt zu Westhauser vordringen kann. Er startete am Dienstagmittag mit drei Schweizer Höhlenrettern. Ein anderer Arzt hatte auf halbem Weg aufgeben müssen – zu hoch waren die Anforderungen an Können und Ausdauer.
„Es wird darum gehen, den Verletzten medizinisch so zu stabilisieren, dass er den Rückweg antreten kann“, sagt Bergwachtsprecher Klemens Reindl. Wenn der Arzt einwilligt, kann der Aufstieg beginnen, frühestens am Mittwochmorgen. „Wir hoffen jetzt mal, dass wir dann jeden Tag ein Biwak erreichen“, sagt Reindl. Fünf Biwaks, also Zwischenlager, sind eingerichtet, mit Schlafsäcken und Einmannportionen eingeschweißter Bundeswehrnahrung. Nicht schmackhaft, aber haltbar. Und kalorienreich. Das brauchen die Männer dort unten.
Am Dienstag betreute ein erstes Schweizer Team den Verletzten. Endlich gibt es auch eine Kommunikationsverbindung, über Textnachrichten aus der Tiefe und bei etwa 350 Metern ein Telefon. Als das zweite Schweizer Team mit dem Arzt über senkrechte glitschige Wände und enge Gänge in das Dunkel vordringt, kommt im Tal von Marktschellenberg eine Gruppe hoch spezialisierter Höhlenretter aus Italien an, um in den nächsten Tagen die Schweizer abzulösen.
„Wir haben hier eine der extremsten und gefährlichsten Höhlen Europas. Deshalb brauchen wir auch bei Rettungskräften die Top Ten der europäischen Höhlenrettung“, sagt Reindl. „Das würde im Bergsteigen ein Achttausender sein. Es sind Elitesportler mit Ausnahmefähigkeiten, die das auch bewältigen können.“
Der Einsatz bringt auch die Helfer an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. „Sie sind physisch völlig fertig“, schildert Nils Bräunig von der Höhlenrettung den Zustand seiner Kollegen. Auch die psychische Belastung schlägt sich nieder, erklärt Stefan Schneider von der Bergwacht Bayern. Das Schicksal des Mannes, der als Extremsportler zu den erfahrensten Höhlenforschern Deutschlands zählt, nimmt alle mit.
