Oldenburg - 43 Bücher hat Rajinder Singh geschrieben. Dabei arbeitet der aus Indien stammende Physiker und Wissenschaftshistoriker als Lehrer an der Grund- und Oberschule Syke. Gleichzeitig betreut er Bachelor- und Masterarbeiten in der Arbeitgruppe Physikdidaktik an der Uni Oldenburg.
„Biografien zu schreiben ist mein Hobby“, sagt der 66-Jährige lachend. Einen Namen gemacht hat er sich in Indien vor allem mit Büchern über bis dahin unbekannte Menschen, wie etwa Bibha Chowdhuri – die erste indische Wissenschaftlerin, die kosmische Strahlung erforschte. „Ihre Arbeit wurde nicht anerkannt“, berichtet Singh. Nachdem sein Buch erschienen war, haben mehrere Institute Memorial Lectures eingeführt, ein Lehrstuhl und ein Stern wurden nach ihr benannt.
Wann bleibt denn bei der Arbeit in Schule und Uni Zeit, so viele Bücher zu schreiben? Am Wochenende von 6 bis 15 Uhr an der Uni und täglich außer montags von 17 bis 20 Uhr im Restaurant Santorini. „Ich brauche eine Umgebung, in der was läuft“, sagt der Vater von zwei erwachsenen Kindern. „Kurz bevor ich nach Hause fahre, rufe ich meine Frau an und frage, ob ich etwas zu essen mitbringen soll.“
Internat prägt
Ja, das Essen. Rajinder Singh hasst rote Linsen und Auberginen. Der Grund dafür liegt wohl in dem christlichen Internat, das der Sohn eines Maurers und einer Hausfrau von der fünften bis zur elften Klasse besuchte. „Dort gab es fünfmal die Woche wässrige rote Linsen und viermal die Woche diese schrecklichen Auberginen.“
Rajinder Singh ist ein Sikh, aber die christliche Schule, war die einzige weiterführende in der ländlichen Gegend, in der er zusammen mit neun Geschwistern aufgewachsen ist. In dieser Schule fing seine „deutsche Geschichte“ an. Denn dort engagierte sich die Kindernothilfe. Rajinder Singh erhielt ein Stipendium, das eine Gruppe aus Nordenham finanzierte. Von ihnen bekam er immer wieder Briefe.
„Ich habe alle eingeladen, die mir geschrieben haben“, sagt Rajinder Singh. Entgegen seiner Erwartung kündigte eines Tages im Jahr 1982, er war mittlerweile 22 Jahre alt und arbeitete als Lehrer, eine junge Frau aus Elsfleth ihren Besuch an. Sie kam mehrmals nach Indien und lud Rajinder Singh nach Deutschland ein.
Ihr erster Besuch in Indien kostete den Lehrer seine Stelle, weil er als unverheirateter Mann mit einer nicht verheirateten Frau durch die Stadt gegangen war. Auch die Reise nach Deutschland machte ihn arbeitslos, weil er nicht so lange Urlaub bekam. „Kein Problem. Physik-Lehrer finden in Indien immer eine neue Stelle“, kommentiert Singh.
Doch erst mal wollte er in Deutschland Physik studieren. Seine Bekannte ermöglichte es. Doch die Ausländerbehörde stellte sich quer, weil er mit einem Touristenvisum eingereist war. Rajinder Singh nahm sich einen Anwalt und klagte. „Wenn so ein Verfahren läuft, dann läuft es erst mal.“
Freieres Leben hier
Genug Zeit, um Deutsch zu lernen und einen Studienplatz zu bekommen. Doch die Behörde blieb hart: Er musste erst ausreisen und in Indien das richtige Visum beantragen. „Mit meiner Bekannten lief es auch nicht mehr. Also bin ich zurück nach Indien und habe wieder als Lehrer gearbeitet.“
Bis zum 15. August 1987, dem indischen Unabhängigkeitstag. Rajinder Singh sollte etwas zu den Feierlichkeiten beisteuern. Er wählte ein Gedicht, das ihn schon lange fasziniert hatte. Es handelt von einer ganz armen Frau, die ihre Nationalflagge hochleben lassen soll. Sie aber sagt: In unserem Land haben 70 Prozent der Menschen keine Ausbildung, viele hungern. Warum soll ich dieses Land hochleben lassen?
Das gab Stress. Einige Eltern von Schülern wollten ihn verklagen. „Das war der Moment nach Deutschland abzuhauen.“ Diesmal blieb er in Oldenburg. Als Lehrer engagiert er sich intensiv bei Jugend forscht und hat einige Comenius-Projekte organisiert, an denen teilweise Schüler aus zehn Ländern beteiligt waren.
Wenn er jetzt nach Indien reist, hat er kaum Zeit für seine Familie. Denn eine Buchvorstellung jagt den nächsten Vortrag. Trotz des Ansehens, das er in seiner alten Heimat genießt, ist Rajinder Singh aufgrund der politischen Situation in Indien, froh in Deutschland zu leben.
