PARIS - Die Haute Couture holt Luft. Passend zu der Brise, die den Besuchern des wohl exklusivsten Modespektakels der Welt die Julitage in Paris derzeit erleichtert, erscheinen auch die Schauen der „hohen Schneiderkunst“ für Herbst/Winter 2010/11 frisch, leicht­händig inszeniert und voll verborgener Kraft.

Fünf- oder gar sechsstellige Summen kosten die handgearbeiteten, maßgeschneiderten Kleider. Es verwundert nicht, dass sich die potenziellen Kundinnen kaum auf den Modenschauen zeigen, sondern private Vorführungen in den Pariser Ateliers der Designer bevorzugen.

Da war es ganz schön, dass es bei Armani am Dienstag einen beachtlichen Auftrieb an Prominenten und Superreichen gab. Lässig und dennoch elegant wirkten die Entwürfe. Überlange Schlaghosen, sanft modellierte Jacken mit betonten Schultern, über dem Knie endende Röcke mit schwingendem Godetsaum und Kleider mit Wickel-Effekten umflossen schmeichelnd die Körper der Models. Sacht schimmerte die Farbpalette: Tabakbraun, Beige, Schokolade und Rosenholz.

John Galliano entpuppte sich in einer großartigen Schau für Dior als Gartenfreund. Alles schien sich um das wundersame Naturphänomen der Anpassung zu drehen, hier als Nachahmung von Blüten durch Kleider. Das Defilee in einem Zelt im rosenberankten Park des Rodin-Museums stellte eine Hommage an die weltberühmte Tulpenlinie dar, die Christian Dior 1953 lanciert hatte. Galliano interpretierte sie futuristisch und romantisch zugleich.

Die Röcke glichen Blütenkelchen. Krokusgleiche Mäntel aus lilafarbenem Mohair setzten einen modernen Kontrast zu schmalen Oberteilen mit spitzem Rückenausschnitt im Stil der 50er-Jahre. Atemberaubend waren die Farben: Feuerorange, Leuchtendgelb, Knalltürkis, Flieder oder Lindgrün.

Dem beeindruckend schönen Defilee entsprechend versammelte Galliano einige hübsche junge Schauspielerinnen in der ersten Reihe: die Amerikanerinnen Jessica Alba, Blake Lively sowie die Französinnen Roxane Mesquida und Nora Arnezeder.

Ganz intim ging es dagegen bei Adeline André zu. Die Designerin demonstrierte live in einer Galerie die Kunst des Ankleidens. Dabei wurden den Mannequins Hemdkleidchen und Stoffschläuche mit Trägern aus Seidenorganza oder Georgette sorgsam angepasst und wieder ausgezogen. So entstanden nur scheinbar schlichte Gewänder, aus Stufen in wunderschönen Farbverläufen zusammengesetzt.