Pretoria - „Der verurteilte Mörder Oscar Pistorius ist frei“ – Millionen Südafrikaner wachten am Dienstag mit diesem Satz auf, als sie ihr Radio einschalteten. 363 Tage nach seinem Haftantritt ist der einst gefeierte Sportstar im Schutze der Nacht – etwas früher als geplant – aus dem Gefängnis in Pretoria freigekommen. Der beinamputierte Sprinter, der am Valentinstag 2013 seine Freundin Reeva Steenkamp erschossen hatte und zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde, sitzt den Rest der Strafe nun im Hausarrest ab.
Das Medieninteresse holte ihn am Morgen ein, als sich Reporter aus dem In- und Ausland vor der Luxusvilla seines Onkels drängelten. „Oscar ist hier, und Oscar ist mit seiner Familie zusammen“, sagte Familiensprecherin Anneliese Burgess. Vor dem Haus stand ein Wächter, die Fenster waren blickdicht verhängt.
Die Steenkamp-Familie hat nur ein Jahr Gefängnis für den Tod ihrer Tochter als unzureichend bezeichnet. Am Dienstag hielt sich die Anwältin der Familie mit Kritik weitgehend zurück. „Ob Oscar Pistorius nun einen Tag früher entlassen wurde oder nicht, ist (für die Familie) ohne Bedeutung: Reeva bleibt tot“, sagte sie.
Doch in Rundfunksendungen oder in sozialen Netzwerken gab es Empörung über „reiche Weiße“, die sich mit teuren Anwälten die – wenn auch begrenzte – Freiheit eines luxuriösen Hausarrests leisten könnten. Der Fall dürfte in Südafrika einer öffentlichen Debatte Vorschub leisten, die die weiterhin gähnende Kluft zwischen Arm und Reich am Kap zunehmend kritisch beleuchtet. „Mein Glaube in unsere Fähigkeit, eine nicht-rassistische Gesellschaft aufzubauen, schwindet von Tag zu Tag“, schrieb der Intellektuelle Aubrey Matshiqi für die Zeitung „Business Day“ und prangerte den „lächelnden Rassismus“ einer weißen Privilegiengesellschaft an.
Dieser Kritik sieht sich auch Pistorius ausgesetzt. Er wird zudem strenge Auflagen erfüllen müssen – angefangen bei einem kompletten Alkoholverbot über Sozialstunden bis zur Pflicht, eine Arbeit anzunehmen. Selbst um Mitternacht könnten Aufseher unangemeldet an der Haustür klingeln, um etwa Blut- oder Urintests einzufordern.
