Washington - Manche Tragödien kommen auch mit Helden. Und für die US-Bürger heißt die Heldin des Wochenendes Megan Silberberger. Die junge blonde Frau, eine begeisterte Fußballspielerin, unterrichtet seit einem Jahr an der High School der Stadt Marysville im US-Bundesstaat Washington Sozialkunde.
Am Freitagmittag steht sie im Gang, der zur Schul-Cafeteria führt. An den Tischen herrscht seit einigen Sekunden Panik: Der 14-jährige Jaylen F. hat ohne jede Vorwarnung eine Pistole vom Kaliber 40 gezogen. Eiskalt tritt er von hinten an zwei Mädchen und drei Jungen heran und schießt jedem von ihnen eine Kugel in den Kopf.
Als er danach auf den Gang tritt, um nachzuladen, stellt sich ihm die herbeigeeilte Megan Silberberger in den Weg. Ein Augenzeuge berichtet: „Sie hat seinen Arm gegriffen und zur Seite gezogen.“ Sekunden später ein weiterer Schuss: Jaylen F. hat sich selbst gerichtet, ebenfalls per Kopfschuss.
Seitdem stellt sich das Land die Frage, die bei Amokläufen dieser Art immer wieder zur ersten Reaktion gehört: Warum? Mitschüler schildern Jaylen F. als „nice kid“, als beliebten netten Jungen. Er gehört zum Indianerstamm der in einem nahen Reservat lebenden Tualip, wurde aber wegen seiner Herkunft offenbar in der Schule nicht ausgegrenzt oder gehänselt, sondern galt als voll integriert.
Doch warum feuert er dann aus nächster Nähe auf Menschen, die als seine Freunde gelten? Drei der Opfer sind sogar mit Jaylen F. verwandt. Ein Mädchen starb, die anderen Schüler liegen lebensgefährlich verletzt auf Intensivstationen.
Jaylens Familie erlebe einen nicht abreißenden Alptraum, weil auch sie die Tat nicht vollziehen könne, hieß es. Der Junge sei zwar ein Waffennarr gewesen, habe aber nie Drohungen gegen andere ausgestoßen. Eine einzige Eskalation hatte es vor den Schüssen gegeben: Jaylen habe beim Football-Training einem anderen Spieler die Nase gebrochen und sei deshalb kritisiert worden.
Einen Einblick in die Seelenlage des Täters geben aber möglicherweise seine Aussagen, die in sozialen Medien zu finden sind. Die Einträge lassen Liebeskummer, aber auch Zorn erkennen. So hatte eines der Mädchen, auf die er am Freitag schoss, kürzlich seine Avancen zurückgewiesen und sich einem Cousin zugewandt – und diesen nahm Jaylen F. ebenfalls ins Visier. Im Juni hatte der Todesschütze auf Twitter geschrieben: „Möchte jetzt am liebsten sterben.“ Später folgte der Eintrag: „Ich habe genug von euch. Irgendjemand wird dafür büßen.“
Und dann am Donnerstag die letzte Wortmeldung: „Es wird nicht lange dauern.“ In der Tat war der Amoklauf nach wenigen Sekunden vorbei. Als schwerbewaffnete Sonder-Einsatzkommandos anrückten, gab es – wie auch bei vorausgegangenen Bluttaten in US-Schulen – nur noch Leichen und Schwerverletzte.
