Rastede/Darmstadt - Nein, Angst hatte Thomas Reiter nie. Er war der erste deutsche Astronaut, der einen Weltraumspaziergang unternahm. Und er war auch der erste Europäer, der ein halbes Jahr auf der russischen Raumstation Mir (1995/96 für 179 Tage) und später auf der Internationalen Raumstation ISS (2006 für 171 Tage) verbrachte. „Man hat Ehrfurcht“, sagt Reiter heute über seine Zeit im All. An diesem Mittwoch wird er 60 Jahre alt und ist als Astronaut längst im Ruhestand. Dennoch lässt ihn die Raumfahrt nicht los.
Die Erinnerungen sind so präsent, als wäre es gestern gewesen. „Der ,Ritt in der Rakete’ ist schon etwas Faszinierendes. Diese Naturgewalten, die da entfesselt werden, um einen in der kurzen Zeit auf fast eine Geschwindigkeit von 28 000 Kilometern zu katapultieren, sind schon beeindruckend. Die Rakete hat drei Stufen. Jedes Mal, wenn eine Stufe getrennt wird, gibt es einen kräftigen Ruck. Die Beschleunigung steigt stetig an: Vom Anderthalbfachen der normalen Erdanziehungskraft beim Abheben der Rakete geht es dann hoch bis zum Dreieinhalbfachen kurz vor der Stufentrennung. Und dann wiederholt sich dieser Zyklus entsprechend bei der zweiten und dritten Stufe. Nachdem sich die Kapsel von der dritten Stufe getrennt hat, herrscht Schwerelosigkeit. Und der Blick auf die Erde ist etwas, das man zwar vorher auf Bildern gesehen hat. Aber diese Aussicht mit eigenen Augen wahrzunehmen, ist absolut überwältigend“, so Reiter gegenüber dieser Zeitung.
Schon als Kind träumte der gebürtige Hesse davon, zu den Sternen zu fliegen. Elf Jahre war er alt, als die Amerikaner erstmals auf dem Mond landeten. „Ich bin durch meine Eltern vorbelastet und gewissermaßen auf dem Segelflugplatz groß geworden. Mein Vater war Zeit seines Lebens begeisterter Segelflieger. Meine Mutter hat das Hobby bis kurz vor meiner Geburt betrieben. Als ich dann sechs, sieben Jahre alt war, begannen die Raumfahrtmissionen auf amerikanischer Seite. Im Alter von elf Jahren konnte ich dann im Fernsehen die ersten Schritte des ersten Menschen auf dem Mond, Neil Armstrong, verfolgen. Das war die Zeit, wo die Raumfahrt für mich begonnen hat, eine große Rolle zu spielen. Da entstand für mich der Wunsch, Astronaut zu werden.“
Bis dahin war es aber noch ein weiter Weg. Deshalb ging Reiter nach dem Abitur zur Bundeswehr, studierte Luft- und Raumfahrttechnik. In den USA wurde er auf der Sheppard Air Force Base in Texas zum Jetpiloten ausgebildet. Im Anschluss erfolgte seine Versetzung zum Jagdbombergeschwader 43 auf dem Fliegerhorst Oldenburg, wo er das Kampfflugzeug Alpha Jet flog und später Staffelkapitän war. Der heutige Generalleutnant a. D. der Luftwaffe, Johann-Georg Dora, nahm ihn damals unter seine Fittiche. Beide eint, dass sie fortan im Nordwesten blieben. Dora in Oldenburg, Reiter mit Frau und den beiden (heute erwachsenen) Söhnen in der Gemeinde Rastede (Kreis Ammerland).
Den Raumanzug hat Reiter schon vor Jahren gegen Anzug, Hemd und Krawatte getauscht. Heute arbeitet er bei der ESA in Darmstadt und koordiniert dort die Zusammenarbeit mit anderen Raumfahrtagenturen. An den Wochenenden fährt er nach Hause zu seiner Familie.
Stichwort Bundeswehr: Der ehemalige Astronaut und Luftwaffen-Oberst ist 2009 zum Brigadegeneral befördert worden. Beim Salvatorabend der Traditionsgemeinschaft des Jagdbombergeschwaders 43 in Oldenburg ist Reiter regelmäßiger Gast.
