Hannover - Fassungslose Gesichter in den Räumen der Pressekonferenz nach dem deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest am Donnerstagabend. Mitarbeiter des Norddeutschen Rundfunks und Journalisten aus ganz Deutschland können nicht glauben, was da gerade auf der Bühne passiert ist.
Eigentlich begann der Abend ganz gut. ESC-Vorjahressiegerin Conchita Wurst präsentierte ihren Song „Rise Like A Phoenix“, dann traten die acht Kandidaten Mrs. Greenbird, Alexa Feser, Faun, Noize Generation, Ann Sophie, Fahrenhaidt, Laing und Andreas Kümmert auf. Letzterer überzeugte sowohl mit seiner gefühlvollen Ballade „Home Is In My Hand“ als auch mit dem späteren Gewinnerlied „Heart of Stone“.
Arena kocht
Als Kümmert das letzte Mal den Song präsentiert, kocht die Tui Arena in Hannover. Die 4500 Besucher des Vorentscheids tanzen. Der Sieger scheint klar – und auch das Televoting im Anschluss ist eindeutig. Der 28-Jährige setzt sich im Finale gegen die 24-jährige Ann Sophie mit ihrem zweiten Song „Black Smoke“ durch.
Was dann passiert, geht in die Geschichte des ESC ein. „Ich bin nur ein kleiner Sänger, aber ich gebe die Wahl ab“, sagt Kümmert. Moderatorin Barbara Schöneberger fasst verdattert nach: „Heißt das, du willst nicht nach Wien?“ – „Ja“. Die Stimmung in der Arena kippt. Buh-Rufe übertönen die Moderatorin. Fassungslose Gesichter.
Schöneberg reagiert blitzschnell und, wie sie später in der Pressekonferenz erklärt, ohne Anweisung von Regie oder NDR. Sie sagt Kümmert, dass es wohl keinen Sinn hat, ihn zu überreden. Versucht die Situation zu beruhigen: „Das ist ein Coitus interruptus der schlimmsten Sorte.“
Andreas Kümmert erklärt sich nur kurz. Er könne das nicht und halte Ann Sophie für die bessere Wahl. Dann geht er. Weder für Journalisten noch für ARD-Verantwortlichen ist er zu sprechen. Seine Plattenfirma teilt mit, dass er sich verkrochen habe.
Die Pressekonferenz nach der Show verläuft daher auch ungewöhnlich. Erstmal beginnt sie mit einer gehörigen Verspätung, dann sehen die Verantwortlichen alles andere als glücklich aus. Bevor über die Siegerin gesprochen wird, gibt der ARD-Unterhaltungskoordinator Andreas Schreiber ein Statement zum Sieger, der es nicht sein wollte, ab: „Wir hatten schon vorher über Andreas Kümmert gehört, dass es schwierig werden könnte. Aber er hat uns gesagt, dass er den ESC machen will“, erklärt er.
Schreiber wirkt nicht wütend, eher hilflos. Und dann sagt er etwas, was Kümmerts Lage gut erklärt: „Wenn die Seele nicht kann, bringt es nichts, Druck auszuüben.“ Er habe Respekt vor der Entscheidung.
Auch Ann Sophie, die während der Konferenz versucht, sich die Enttäuschung über diese Art des Sieges nicht anmerken zu lassen, spricht Kümmert ihren Respekt aus. „Ich denke, wir sollten Andreas jetzt alle in Ruhe lassen. Ich denke, am miesesten fühlt er sich in dieser Situation“, ermahnt sie.
Gute Zweite
Dann schaltet sie um – und wird zur fröhlichen Siegerin. Erzählt, was für eine Ehre es ist, für Deutschland zum ESC zu fahren und betont immer wieder, „dass es ja der 60. Geburtstag des ESC ist“. Aber schon während der Pressekonferenz muss sich die brünette Hamburgerin einen Vergleich gefallen lassen: Ihr Auftreten erinnert doch sehr an Lena Meyer-Landruth, die 2010 für Deutschland den ESC gewann. Ann Sophie reagiert gereizt auf die Frage nach Lena: „Ich bin so, wie ich bin. Und ich denke, dass man niemanden vergleichen kann“, sagt sie und betont gleich noch einmal, wie glücklich sie über das Ticket nach Wien ist.
Mit „Black Smoke“ kam ein Song ins Finale, der ihr sehr gefällt. („Ich habe mich sofort verliebt.“) Auch Unterhaltungschef Schreiber scheint mit Ann Sophie zufrieden zu sein und lobt die professionelle Reaktion der Sängerin und Schöneberger auf der Bühne. „Außerdem redet man über uns. Was wollen wir mehr?“
