SITTENSEN - Viele Teilnehmer der Andacht waren regelmäßige Gäste des chinesischen Restaurants. Die Brutalität der Tat ruft Schmerz hervor.
Von Dirk Averesch
SITTENSEN - Betroffenheit und Trauer steht den Menschen ins Gesicht geschrieben, die in der Dämmerung die kleine Backstein-Kirche von Sittensen betreten. Sie sind gekommen, um ihre Verbundenheit mit den sieben Mordopfern aus dem China-Restaurant zu zeigen, in dem viele von ihnen regelmäßig zu Gast waren. Besonders die kleine Tochter, die das Betreiber-Ehepaar zurücklässt, bewegt die Gemüter. „Die Kleine tut mir unwahrscheinlich leid, ich bin auch ohne Mutter aufgewachsen“, sagt Gerda Krause und beginnt zu weinen.Auch Siegrid Lange geht das Bild des elternlosen Kindes nicht aus dem Kopf. „Freitag waren wir noch im Restaurant, und meine Enkeltochter hat mit dem Mädchen gespielt“, sagt sie. „Ich würde die Kleine sofort adoptieren.“ Für die meisten Kirchenbesucher ist ihr Kommen eine Selbstverständlichkeit. „Das ist Anteilnahme und Menschlichkeit“, sagt Clarita Spranger. Viel Schmerz rufe die Brutalität der Tat hervor. „Das ist unverständlich, egal was dahintersteckt.“
Als die Glocken um 18 Uhr aufhören zu schlagen, ist die St.-Dionysius-Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Gut 1200 Menschen aus Sittensen und Umgebung haben im Kirchenschiff, auf der Orgelbühne und einer Empore Platz genommen. Viele müssen aber auch stehen, der Platz reicht nicht für alle. Der Raum ist in das warme Licht vier großer goldener Kronleuchter getaucht, die vom Holz-Gewölbe herabhängen. Dann durchbricht Klavierspiel das tiefe Schweigen. „Sometimes I feel like a motherless child“, heißt das Gospelstück.
„Wir können nichts ungeschehen machen, aber dass Sie sich darauf einlassen, gemeinsam die Betroffenheit zu Gott zu bringen, ist das Beste, was wir tun können.“ Mit diesen Worten beginnt Pastor Manfred Thoden den Gottesdienst. Er verweist auf die sieben Kerzen und die sieben Blumen mit Trauerflor, die zum Gedenken an die Mordopfer im „Lin Yue“ auf dem Altar stehen. In den Bänken wischen sich Menschen mit dem Taschentuch immer wieder Tränen aus den Augen.
Die Fürbitten tragen eine Kollegin der Restaurant-Betreiber, ein Vertreter der chinesischen Gemeinde in Hannover, ein Pastor aus Sittensen und ein Beamter der örtlichen Polizei gemeinsam vor. „Herr, auch wir Profis sind schockiert und brauchen deine Hilfe“, bittet der Polizist. Pastor Dieter Behrens beschäftigen die Täter, die „eine schreckliche Herrschaft der Angst“ geplant hätten. „Herr, lass sie ihre Strafe und Umkehr finden.“
Nach einer Dreiviertelstunde können die Gottesdienstbesucher ihrer Trauer auch symbolisch Ausdruck verleihen. Sie stellen hunderte kleiner Teelichter als Gebetskerzen rund um den Altar. Dort liegen schon bunte Sterne aus Tonpappe bereit. Dann ertönt wieder das Klavier. „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, singen sie alle zusammen, bevor sie wieder durch die Dunkelheit zurück in ihre Häuser gehen.
