Stuttgart - Der Zeuge hat Angst. Seine Adresse, nein, die wolle er lieber nicht preisgeben, übersetzt die Dolmetscherin aus dem Russischen. Elf Angeklagte starren auf den hochgewachsenen Mann im Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts im Stuttgarter Stadtteil Stammheim. Einer der Männer habe ihn schon mal bedroht, sagt er.

Den elf Angeklagten wird vorgeworfen, im Gefängnis mit Heroingemischen, Marihuana und anderen Substanzen gehandelt zu haben. Jahrelang sollen sie als Mitglieder der hierarchischen Organisation „Diebe im Gesetz“ im Heilbronner Gefängnis ihre Geschäfte abgezogen haben. Der Prozess ist eine Last für das Landgericht Heilbronn: Gegen die 27 bis 46 Jahre alten Männer wird schon fast ein Jahr lang verhandelt. Und die 3. Große Strafkammer befindet sich noch immer mitten in der Beweisaufnahme, wie Gerichtssprecher Roland Kleinschroth sagt.

Bei der Zeugenvernehmung wird klar: So genau die Richter auch fragen - die Rekonstruktion des mutmaßlichen Geschäfts ist schwierig, die Machtstrukturen der „Diebe im Gesetz“ sind komplex und autoritär. Es gibt „Etagenchefs“ und „Sehende“. Opfer geben sich nicht zu erkennen - auch sie sind Teil der Subkultur, die der Drogenhandel in deutschen Gefängnissen erzeugt.

„Drogen waren schon immer ein Problem im Gefängnis“, sagt der Landesvorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten (BSDB), Alexander Schmid. „Im Gefängnis haben wir schließlich eine Negativauslese der Gesellschaft.“ Für die Betäubungsmittel gebe es ein breites Publikum und die Ware sei rar. Den Dealern im Knast winken außerdem hohe Gewinne bei geringem Aufwand. Wenn sich die Insassen den Preis nicht leisten können, nehmen sie eben einen Kredit bei den Händlern auf und machen Schulden. Sie begeben sich in eine Abhängigkeit, die sie schnell zu Opfern macht.

Drogendeals hinter Gittern sind ein bundesweites Problem. Allein in Baden-Württemberg wurden 2013 dem Justizministerium zufolge 241 Mal Betäubungsmittel sichergestellt, die illegal hinter Gitter gelangt waren. Das Bundeskriminalamt (BKA) spricht von 1232 Fällen in 2013, 2014 waren es danach 1255. Über den tatsächlichen Umfang des bundesweiten Drogenhandels sagen die Zahlen allerdings nichts aus.

Klassischerweise gelangen Drogen über Freigänger, Besucher und auf dem Postwege in die Gefängnisse. Immer wieder werden auch Päckchen mit Rauschgift über die Gefängnismauern geworfen, oder Handys, über die die Dealer mit Unterstützern in Freiheit kommunizieren. Meist ist der Handel über die Gefängnismauern hinaus organisiert. Erst vor kurzem ist Ermittlern in Mecklenburg-Vorpommern ein Schlag gegen eine Drogenbande gelungen.

Und die Dealer sind kreativ: In Bremen sollten Anfang Dezember Drogen mit Hilfe einer Drohne ins Gefängnis geschmuggelt werden. Wächter fanden das kleine ferngesteuerte Flugobjekt beladen mit zehn Gramm Marihuana im Hof der JVA, wie der „Weser-Kurier“ berichtete. Mit Justizministerien der Bundesländer sei man bereits über technische Möglichkeiten im Gespräch, um den Einsatz von Drohnen über Gefängnissen zu verhindern, sagte ein Sprecher der Bremer Justizbehörde. Die Schwierigkeit: Eine Anlage zur Störung von Steuerungssignalen darf weder das Telefonnetz in der Umgebung noch das Alarmsystem der JVA beeinträchtigen.

Durch die konsequente Trennung von Gefangenengruppen will die Justiz in Baden-Württemberg den Drogenhandel eindämmen. „Aber die Täter sind Überzeugungstäter und machen schnell ein neues Netzwerk auf“, sagt Schmid. Deshalb werden regelmäßig Besucher und Insassen sowie deren Hafträume kontrolliert. Urintests sollen Aufschluss über die Höhe des Drogenkonsums geben.

Zirkulieren weniger Drogen im Gefängnis, steigt der Wert der Ware, die Abhängigkeiten unter den Gefangenen wachsen - und das wiederum bestärkt die Machtstrukturen der Händler. Die Sicherheitsbediensteten versuchen laut Schmid dagegenzuarbeiten. Aus Angst schauten einige dann aber doch weg. Außerdem seien die Bediensteten für viele Gefangene zuständig. Schmid sagt: „Aus der Distanz ist es schwierig, in diesen Dunstkreis reinzukommen.“