• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Panorama

Geschichte: So arbeitete St. Paulis „König der Tätowierer“

14.03.2020

Hamburg „Christian... wer?“, fragen die einen, und ihnen steht das Fragezeichen förmlich ins Gesicht geschrieben. Bei anderen leuchten die Augen, wenn sie den Namen Christian Warlich hören, und sie sprechen schnell vom „König der Tätowierer“. Zu letzteren gehört Ole Wittmann. Der promovierte 42-jährige Kunsthistoriker aus Schleswig-Holstein forscht seit vielen Jahren in Sachen Tattoos und arbeitet seit 2015 den Nachlass von Christian Warlich (1891-1964) auf, der in Hamburg die deutsche Tätowierkunst etabliert, professionalisiert und revolutioniert hat. Daraus entstand die Ausstellung „Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli“, die im Museum für Hamburgische Geschichte läuft.

Die weltweit erste Schau, die sich monografisch einem Tätowierer widmet, will nicht nur eine der einflussreichsten Figuren der Tattoo-Szene über Kennerkreise hinaus bekannt machen. Es geht in der Ausstellung mit über 600 Exponaten auch um die historische Entwicklung eines modischen Trends, der ungebrochen anhält.

Breite Akzeptanz

Ein Fünftel der Deutschen soll tätowiert sein, ergab eine Umfrage. Im vergangenen Jahrhundert trugen die Leute unter die Haut gestochene Bilder, Symbole, Tribals, Buchstaben, Namen und Sprüche überwiegend an Körperstellen, die von der Kleidung verdeckt waren. Dies hat sich augenscheinlich geändert. Unterarme, Hände, Finger, Hals und manchmal auch Gesichter sind heutzutage ebenfalls bunt oder einfarbig sowie lebenslang verziert.

Mit der breiten gesellschaftlichen Akzeptanz explodierte die Zahl der Studios. Bundesweit sollen es aktuell circa 8000 sein. In Hamburg, schätzt der stadtbekannte Tätowierer Chriss Dettmer und Inhaber von „The Black Hole Tattoo“, seien es etwa 500. Genauer lässt sich das nicht sagen. Denn Tätowierer ist kein Lehrberuf, sondern eine Berufung für begeisterte Autodidakten. Jeder kann ein Studio aufmachen.

Und der Erste war hierzulande Christian Warlich. Der gebürtige Hannoveraner eröffnete 1919 in einer Parallelstraße der Reeperbahn das „Atelier für moderne Tätowierungen“ im Hinterzimmer einer Kneipe, die er zugleich als Wirt betrieb. Natürlich gab es in der Hansestadt schon vor Christian Warlich Tätowierer, die jedoch mehrheitlich ambulant unterwegs waren und dort tätowierten, wo ihre Dienste gerade gefragt waren.

Als das Tattoo-Fieber zu Beginn des 20. Jahrhunderts die westliche Welt packte, war man in sämtlichen gesellschaftlichen Schichten angefixt. Vom Matrosen bis zum Fabrikanten. Vom Hausmädchen bis zur Adligen. Die Leute wollten ihren Körper eine persönliche Note geben. Oder sie zeigten, welchem Berufsstand sie angehören, wo sie schon überall waren, an was sie glaubten.

Das Vorurteil, dass Tattoo-Träger tendenziell aus dem Knast-, Drogen- und Rotlicht-Milieu stammen, ist eine Mär.

Als der Körperschmuck vor gut 100 Jahren schwer en vogue war, galten weltoffene Hafenstädte wie Hamburg mit dem quirligen Amüsierviertel St. Pauli als Tattoo-Hochburgen. Dies erkannte wohl auch Christian Warlich. Zunächst tätowierte er in Dortmund, fuhr später einige Jahre als Heizer zur See und suchte Kontakt zu US-amerikanischen Tätowierern. Ab 1917 steht sein Name im Hamburger Adressbuch.

Christian Warlichs Erfolg erklärt Kurator Ole Wittmann, der neben anderen Tätowierungen auch zwei Warlich-Motive am Körper trägt, mit dessen künstlerischen Fähigkeiten und einem breiten Angebot. Kult ist Warlichs Vorlagenalbum, in dem Hunderte der sogenannten farbigen Flashes, so nennen Tätowierer ihre Motive, abgebildet sind und das anlässlich der Ausstellung im Prestel Verlag teilweise neu aufgelegt wurde. Das Buch kenne quasi jeder Tätowierer, und die Mädchen, Cowboys, Segelschiffe, Schädel, Drachen, Tiger, Herzen, Anker, Schmetterlinge und zig anderen Bilder würden bis heute nachgefragt. Weltweit.

Christian Warlich avancierte zu einer Leitfigur der globalen Tattoo-Kultur, weil er Zeichnungen anfertigte, die sich qualitativ von denen der Konkurrenten abhoben.

Als Praktiker ragte er ebenfalls heraus. Christian Warlich, der mit Schablonen, Grafitpulver, unterschiedlich farbigen Tinten sowie selbstgebauten elektrischen Maschinen arbeitete, stach einfach die beeindruckenderen Ergebnisse.

Die Motive aus dem Vorlagenalbum wählten Interessierte bei einem Bier oder einem Grog. Die Seiten umblättern durfte nur der „König“ persönlich. Seinen Schatz gab Christian Warlich, der sich inspirieren ließ von fernöstlichen Motiven, amerikanischer Pop-Kultur und europäischer Kunstgeschichte, nicht aus der Hand. Zahlreiche seiner Motive und Schwarzweiß-Fotos Tätowierter zeigt die Ausstellung unter Vitrinen und an den Wänden.

Tätowieren in der Kneipe

Der Meister suchte überdies den Austausch mit anderen Tätowierern, Volkskundlern oder Medizinern und galt wegen seines seriösen Auftretens bereits in den 1920er Jahren als gefragter Fachmann.

Das Schaufenster seiner Kneipe nutzte er als Reklamefläche und vertrieb nebenbei Tätowier-Maschinen sowie -Utensilien. Christian Warlich war bald über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt, und der „König der Tätowierer“ bediente eine internationale Kundschaft. Die Gaststätte führte Warlich ohne Unterbrechung am selben Ort bis zu seinem Tod 1964. Dabei entwickelte sich die Kneipe mit ein bisschen Tätowierbetrieb im Laufe der Jahrzehnte zu einem Tattoo-Geschäft mit ein bisschen Kneipenbetrieb.

Ein weiterer Clou gelang Warlich in den 30er Jahren, als er auch Tattoos entfernte. Mit einer hautablösenden Tinktur, die unter anderem aus einer Mineralsäure und einem Lösungsmittel bestand. Zurück blieb ein konserviertes Hautstück. Lange galt das Rezept als verschollen, bis Warlich-Forscher Ole Wittmann es vor drei Jahren im Staatsarchiv Hamburg wiederentdeckt hat.

Diese Methode galt damals als so fortschrittlich, dass Patienten des Hamburger Universitätskrankenhauses Eppendorf zum Enttätowieren nach St. Pauli zu Christian Warlich geschickt wurden.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.