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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Zwischen Gesang und Straftat

03.07.2019

Tötensen /Oldenburg „Wo hört der Gesang auf und wo fängt die Straftat an?“ Mit derben Sprüchen kommentiert Dieter Bohlen seit 16 Jahren die Auftritte in der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“. Nun stellt er sich mit seinen eigenen Gesangskünsten den Kritikern. Am Freitag erscheint Bohlens, gewohnt selbstbewusst betiteltes, „Mega Album“.

Mit 65 Jahren will es der selbst ernannte Pop-Titan aus Tötensen noch mal wissen. Der Erfolgskomponist, der im Laufe seiner Karriere Hits für Bonnie Tyler, Dionne Warwick, Roland Kaiser und Andrea Berg schrieb, singt auf dem Album seine früheren Hits neu ein – und zwar selbst. Dass er nicht der geborene Sänger ist, macht dem Produzenten nichts aus.

„Kritik kommt ja immer. Klar: Wenn man den Kopf etwas weiter raushält als die anderen, dann gibt’s natürlich immer Kritik“, sagte Bohlen der Deutschen Presse-Agentur. „Thomas Anders hat die Modern-Talking-Titel ganz toll gesungen. Aber jetzt singe ich sie so, wie sie mal im Original waren.“

Um die stimmlichen Unzulänglichkeiten auszugleichen, zieht Bohlen alle Register eines ausgebufften Musikproduzenten. Ob bei der Orchester-Version von „You’re My Heart, You’re My Soul“ oder der Rockballade „Midnight Lady“ von Chris Norman: Bohlen arbeitet gekonnt mit Auto-Tune und anderen Stimmeffekten.

Untergemischte Background-Chöre sorgen für den Stadioneffekt. Dabei fallen die einzelnen Stimmen in der Masse nicht großartig auf. Der massive Einsatz von Hall und Echo wird in der Musikszene auch gern als „Effekt-Suppe“ bezeichnet, erklärt ein Produzent: „Darin ertrinken dann die schiefen Töne.“

Dadurch fallen die gesanglichen Wackler gerade bei den Dance-Nummern der Bohlen-Projekte Modern Talking (mit Thomas Anders) und Blue System gar nicht mal so auf. Extremer hört es sich bei gefühlvollen Balladen wie „We Have A Dream“ oder „Take Me Tonight“ an, die Bohlen 2003 für die Finalisten der ersten „DSDS“-Staffel und den späteren Gewinner Alexander Klaws komponierte.

Der stets gebräunte und gut gelaunte Musiker – er wurde in Berne (Wesermarsch) geboren und wuchs in Oldenburg auf – sieht sich ohnehin eher als Entertainer. Auch auf seinen Live-Konzerten im Spätsommer, bei denen er mit seiner achtköpfigen Band nach eigenen Angaben „voll alles live“ spielen wird.

„Bei der Tour geht es ja nicht darum, dass Dieter den besten Sänger sucht. Es ist nicht so wie bei Ed Sheeran, der auf die Bühne kommt und seine Titel singt. Ich präsentiere vor allem meine Instagram-Rubriken, erzähle die Geschichten hinter den Songs und mache mit den Leuten Quatsch.“

Der Selbstvermarkter Bohlen, der allein mit Modern Talking mehr als 120 Millionen Platten verkaufen konnte, spricht mittlerweile ein breites Publikum an. Nummer-Eins-Rapper Capital Bra coverte kürzlich „Cheri Cheri Lady“, auf Instagram folgen ihm mittlerweile rund 1,3 Millionen Menschen, deren Kommentare Bohlen nahezu alle persönlich beantwortet.

„Ich halte die Nase schon immer in den Wind, um rechtzeitig neue Klientel dazuzugewinnen“, sagt er zu seinen jungen Fans. Wie viel die mit dem Sänger Bohlen anfangen können, bleibt abzuwarten.

Hardcore-Fans können sich jedenfalls nicht nur auf das „Mega Album“ mit 14 Songs (darunter „Brother Louie“ oder „You Can Win If You Want) freuen, sondern sich auch die dreifache Bohlen-Dröhnung geben. Auf der „Premium Edition“ gibt es neben Mitschnitten alter TV-Auftritte auch Instrumental-Versionen. Einige dürften diese durchaus als Wohlfühloase für die Ohren empfinden – wohl auch der TV-Juror Bohlen.

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