Tokyo - Nach elf Stunden Flug stehe ich völlig übermüdet am Flughafen, und vor lauter Jetlag brummt mein Kopf. Jetzt könnte ich auch irgendwo auf der Welt sein. Aber lokalisieren ist ganz einfach: Augen zu und Ohren spitzen. Ahhhh... Japan!

Bei all der asiatischen Zurückhaltung und Höflichkeit mag man vielleicht denken, Japan ist ein stilles Land. Auf manche Orte wie Tempelanlagen oder Schreine trifft das durchaus zu, aber hier in Japan spielt nach meinem Empfinden irgendwie immer die Musik. Selbst auf dem Dorf hört man zu manch voller Stunde aus den Lautsprecheranlagen irgendein Gedudel.

Japan klingt anders als Deutschland. Ist doch klar, mag man denken. Es ist ja auch eine ganz fremde Sprache, die sich vom Deutschen komplett unterscheidet. Aber mal abgesehen von der Sprache hat Japan wirklich einen eigenen Sound. Quasi eine Titelmelodie. Meine Kollegen auf Zeit bei Oita Asahi Broadcasting (OAB) haben meinen verwunderten Gesichtsausdruck nie wirklich bemerkt, wenn ich auf dem Weg zu einem Termin in der Umgebung mal wieder Musik, Gedudel oder Stimmen aus Lautsprechern gehört habe und (vielleicht) etwas perplex aus der Wäsche schaute.

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Selbst das stille Örtchen ist hier nicht still: Auf meinem persönlichen Platz eins steht die Otohime – die Geräuschprinzessin auf der Toilette. Damit der Nachbar in der Kabine nebenan keine intimen Geräusche hört, sind die meisten japanischen Toiletten mit einem Bewegungssensor ausgestattet, der dann das Geräusch von fließendem Wasser imitiert. An manchen Örtchen klang das eher wie die Niagarafälle. Übrigens sind die Toilettensitze in Japan fast immer beheizt. Und erwischt man mal einen unbeheizten – nun ja, ein Leben ohne ist zwar sinnlos, aber möglich.

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An Bahnhöfen gibt es eigentlich ständig Töne, Melodien oder Durchsagen. Wenn ein Zug einfährt, wird man entweder durch ein schrilles, durchgängiges Klingeln oder auch durch eine nette Melodie gewarnt. Vor zwei Jahren konnten Fahrgäste an Bahnhöfen in Tokyo sogar Melodien von Disney-Filmen hören.

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Ach ja, auch Ampeln tragen zur Symphonie Japans bei. Mit zwei unterschiedlichen Tönen. Je nach Richtung zwitschert es entweder als eine Art Kuckucksruf „cuckoo“ von Ost nach West, oder es erklingt „piuu piuu“, das ist die Nord-Süd Richtung. Die verschiedenen Töne sollen es Blinden erleichtern, die Richtung zu finden. Die Ampel sagt sogar manchmal durch, wie viel Zeit noch bis zur nächsten Grünphase ist, oder wann man sich besser beeilen sollte. An manchen Ampeln kann man in der Grünphase sogar Melodien hören.

Gesangseinlagen gibt zum Beispiel der Laster beim Abbiegen. Ob links oder rechts – jeder soll gewarnt sein. „Ich biege links ab, bitte passen sie auf“, spricht eine Frauenstimme aus dem Lautsprecher. Nebenbei: Bisher habe ich noch nie, bei keiner Gelegenheit, eine Männerstimme gehört. Ich bin aber auf Gegenbeispiele gespannt. Und außerdem: Es scheint immer dieselbe Frauenstimme zu sein.

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Ähnlich ist es bei dem vorbeifahrenden Krankenwagen oder der Feuerwehr. Neben dem Blaulicht und dem Tatütata auch noch Durchsagen aus dem Lautsprecher. „Achtung, es kommt ein Krankenwagen, bitte passen Sie auf.“ Die höfliche Form von „Platz machen!“, sagte mir eine japanische Kollegin.

Den typischen Klang des japanischen Sommers würde ich persönlich eher als urusai (lärmend) bezeichnen. Zikaden machen immer eine Menge Krach, besonders wenn sie zu Tausenden in den Bäumen und Büschen hängen. Zikaden sind das lauteste Insekt der Welt mit bis zu 120 Dezibel. Wenn diese Biester Ohren hätten, wären sie längst taub. Mich wundert es da ja schon, dass man unter dem Stichwort „Entspannung“ auf der japanischen Youtubeseite stundenlange Videos mit Zikadengeräusch findet.

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Zur Kategorie „Urusai und ab zwei Sekunden unerträglich“ gehören für mich auch die sogenannten Pachinko-Hallen. Pachinko ist eine Mischung aus Geldspielautomat und senkrechtem Arcade-Spiel. In den Gaming-Centern stehen zahlreiche Automaten in engen Reihen. Öffnet sich die Schiebetür, kommt dem Besucher ein wahrer Schwall an Geräuschen entgegen. Durch die hochkant aufgestellten Automaten fallen Tausende kleiner Metallkugeln, dazu dröhnen japanische Popmusik und Werbedurchsagen aus den Lautsprechern. Schwer zu beschreiben, wie das klingt. Aber man könnte es mit einem Mini-Tsunami aus zig verschiedenen Tönen beschreiben. Cash gibt es hier bei Gewinn aber nicht auf die Kralle. Mit Ausnahme der staatlichen Lotterie und des staatlich kontrollierten Wettsystems gilt in Japan ein allgemeines Verbot für Geldgewinne. Beim Pachinko gibt es also nur Sachpreise – und einen Satz taube Ohren.

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Die Rolltreppe macht – wenn diesen Job nicht gerade ein Mensch übernimmt – höflich darauf aufmerksam, dass man bald ankommt. Bitte aufpassen also. In Zeiten, wo fast jeder Japaner und auch jeder Tourist mit der Nase am Smartphone klebt (auf der Suche mit Google Maps), keine zu unterschätzende Sache. Auch der Fahrstuhl spricht: Entweder sagt eine freundliche Frauenstimme in höflichem Japanisch das Stockwerk an oder weist darauf hin, dass die Tür sich schließt.

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Mein Praktikum bei OAB habe ich abgeschlossen, aber auf meiner Reise durch Japan klingelt es weiter in den Ohren. Für manche – Einwohner als auch Touristen – ist es noise pollution (Lärmbelästigung). Ich glaube aber, ohne diese Melodien und Töne wäre Japan eben nicht Japan.

Tonia Hysky
Tonia Hysky Redaktion Kultur/Medien