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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Prozess: Unschuldig hinter Gittern?

17.06.2011

KASSEL Saß der 52 Jahre alte Biologielehrer Horst Arnold fünf Jahre lang unschuldig hinter Gittern? Diese Frage muss das Kasseler Landgericht in einem Wiederaufnahmeverfahren klären. Arnold, der sich zur Preisgabe seiner Identität bereiterklärt hat, war vor fast zehn Jahren, am 24. Juni 2002, vom Landgericht Darmstadt zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Er habe eine Kollegin, ebenfalls Biologielehrerin an der Georg-August-Zinn-Schule im südhessischen Reichelsheim, vergewaltigt, befanden die Richter. Der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil.

Der verurteilte Biologielehrer lernte diverse hessische Gefängnisse kennen und verbrachte zwei Jahre in der Psychiatrie. Stets und ständig beteuerte er seine Unschuld. Angebote, bei einem Geständnis nach zwei Dritteln der Strafe auf freien Fuß zu kommen, habe er ausgeschlagen, sagt Arnold.

Der Mann saß die fünf Jahre ab. Er musste umziehen, flog aus dem Schuldienst, er bekam trotz Hunderter Bewerbungen nie einen Job. Heute lebt er von Hartz IV und macht als trockener Alkoholiker eine Therapie.

Der Berliner Anwalt Hartmut Lierow nahm sich des Falls an. Er spürte neue Zeugen auf und fand viele Ungereimtheiten. Er erreichte eines der seltenen Wiederaufnahmeverfahren. Der Prozess wird nun vor dem Kasseler Landgericht neu aufgerollt.

Auch zum Prozessauftakt beteuerte Horst Arnold vor der 1. Strafkammer seine Unschuld: „Ich habe die Tat nicht begangen. Ich habe meine Kollegin nicht vergewaltigt.“

Sein Anwalt will das Gericht nun überzeugen, dass die Biologielehrerin Heidi K. (46) die Unwahrheit sagt. Für Hartmut Lierow sei sie eine „notorische Lügnerin“, wie er sagt: „Sie hat eine Vielzahl unwahrer Angaben gemacht.“ Dies, so der Anwalt, könnten diverse Zeugen bestätigen.

So habe die Lehrerin behauptet, ihr Lebensgefährte, ein Kripobeamter, der an den Ermittlungen beteiligt gewesen war, sei bei der Terroristenfahndung durch einen Kopfschuss lebensgefährlich verletzt worden. Sie hätte ihn ein Jahr lang pflegen müssen. Er sei dann verstorben. Anwalt Lierow: „Die Wahrheit ist: Der Beamte ist nach wie vor unversehrt und versieht seinen Dienst.“

Heidi K. erschien im neuen Prozess als Zeugin, machte aber von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Gegen sie wird inzwischen auch ermittelt – wegen Freiheitsberaubung. Denn durch ihre Aussage saß Horst Arnold fünf Jahre im Gefängnis.

* Frank Thonicke ist Chefreporter der Zeitung „Hessisch-Niedersächsische Allgemeine“.

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