Seattle - William „der Hase“ Large parkt seinen Jeep in der Innenstadt von Seattle hinter einem Lieferwagen einer der Firmen, die den Amerikanern ihre Einkäufe nach Order per Telefon oder Internet nach Hause bringen. Was Large liefert, hat sein Kollege allerdings nicht im Angebot: Large bringt auf Bestellung Marihuana.
Der dürre Brillenträger arbeitet für „Winterlife“, eine Firma, die gerade die rechtliche Situation für den staatlich reglementierten Vertrieb der in den USA immer noch verbotenen Droge Marihuana bis aufs Äußerste auszuknautschen versucht. „Diese Chance sollten wir nicht verpassen“, sagt Large mit der sonst nur Radiomoderatoren eigenen flotten Spreche.
Schmerzpatienten dürfen im US-Staat Washington am äußersten nordwestlichen Rand der USA bereits seit Jahren Cannabis-Produkte konsumieren. Und weil viele Krebskranke nicht mehr uneingeschränkt mobil sind, dürfen sie sich die Droge auch nach Hause liefern lassen. Was neu ist, ist dass in Washington und Colorado dieser Service auch auf Kunden ausgeweitet wird, die Cannabis zum puren Vergnügen konsumieren.
Formal ist das, was Winterlife macht, eine Straftat. Cannabis darf in Washington zwar in kleinen Mengen staatlich kontrolliert verkauft werden, aber nur von ebenfalls kontrollierten Anbietern und über lizenzierte Läden. Wie üblich in den USA natürlich nur an Erwachsene, die dort mindestens 21 Jahre alt sein müssen. Maximal wird der Besitz von rund 28 Gramm - einer Unze - geduldet, Ähnliches gilt in Colorado. Die Weitergabe ist schon eine Grauzone, die die Kreativität der Nutzer von Cannabis anregt: In Colorado hat sich ein florierender Markt für Marihuana entwickelt, das unter Erwachsenen „gegen Spende“ weitergegeben wird - denn der Handel gegen Entgelt ist in Colorado untersagt.
In Washington testet Winterlife jetzt aus, wie weit man gehen kann. Gleichzeitig hat die Staatsregierung in den vergangenen 19 Monaten versucht, Richtlinien zu entwickeln, die die kontrollierte Weitergabe der Droge reglementieren sollen.
Evan Cox, der Gründer von Winterlife, erfüllt das Klischee des amerikanischen Kiffers: Veganer und ein Fahrradverrückter ist er, und er hat für seinen Service im Internet geworben. Inzwischen bezahlt er 50 Voll- und Teilzeitbeschäftigte im Lieferdienst, und seine Telefonzentrale bearbeitet täglich zwischen 400 und 600 Anrufe. „Wir bedienen hier ein offenbares Bedürfnis“, sagt er.
Das Geschäftsprinzip ist denkbar simpel: Auf einer Website bietet er Marihuana-Blüten, -Kekse und das Zubehör an, mit dem man die Droge rauchen kann. Wer anruft, um zu bestellen, wird an einen Fahrer durchgestellt, der mit dem Kunden einen Treffpunkt ausmacht und den Deal abwickelt. Cox weiß genau, auf welch wackligen legalen Füßen sein Unternehmen steht. Nicht ganz ohne Grund haben alle seine Fahrer ein Pseudonym aus der Tierwelt, so wie William „der Hase“ Large.
Cox will in erster Linie den Großraum von Seattle bedienen - Stammsitz von Microsoft und immer noch ein wichtiger Standort von Boeing. Die Stadtverwaltung hat bisher weitgehend still gehalten, wenn es um die Verfolgung von Vergehen im Bereich der Droge Marihuana ging. Zwar sagt der zuständige Polizeikommissar Sean Whitecomb, dass Winterlife gegen geltendes Recht verstößt. Aber er sagt auch, dass die Polizei der Metropolregion wahrlich andere Probleme zu lösen habe.
Wenn allerdings Winterlife nachgewiesen werden könnte, dass ihre Lieferfahrer sich nicht wirklich bei jedem Deal den Führerschein der Kunden zeigen lassen, um sicher zu sein, dass die Käufer mindestens 21 sind, verstehe er keinen Spaß mehr, sagt Whitecomb. Das weiß auch Cox und deshalb will er vom Versandhandel per Post nichts hören, denn da gibt“s keine Alterskontrolle. Die ist ihm sakrosankt und seine Lieferfahrer sind strikt angewiesen, sie durchzuführen.
Die Kunden freut“s: Kendra Davis kommt aus dem Mittelwesten, aus Minnesota, einem Staat mit restriktiveren Drogengesetzen. Sie ist in Seattle, um ihre Schwester zu besuchen. Und sie ist die Kundin, die sich mit dem „Hasen“ über Winterlife verabredet hat, um Drogen zu kaufen. „Ich dachte, wenn es hier legal ist, warum soll ich nicht davon profitieren“, sagt sie und versichert gleich, dass sie erst mit 30 mit dem Konsum von Cannabis angefangen hat. „Was wir wollen, ist uns in die alberne Ecke des Cannabiskicks zu schäkern“, sagt sie und kauft eine Handvoll rauschauslösende Pilze und sieben Gramm Cannabis.
