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NWZonline.de Nachrichten Panorama

„Wind in den Haaren“ - den Herbst mobiler erleben

05.11.2016

Essen Die beiden Frauen haben Platz genommen in der Fahrradrikscha, sie warten darauf, dass sich ihr Gefährt in Bewegung setzt. Dick haben sie sich eingepackt in Jacken und mit Schals. „Nach Borbeck geht es, da bin ich aufgewachsen“, erzählt die 85-jährige Inge Grebe. Vorfreude schwingt in ihrer Stimme mit. Endlich komme sie mal wieder raus. Auch die gleichaltrige Anna Weigel auf dem Sitz neben Grebe freut sich: „Das ist eine schöne grüne Strecke, früher war ich dort oft mit meinem Ehemann.“

Fünf Mal in der Woche holen Rikschafahrer Senioren wie Grebe und Weigel aus Essener Altenheimen zu Spritztouren durch die Stadt ab. Die Nachfrage ist meist größer, als es Plätze in den Rikschas gibt, sagt die Leiterin des Seniorenzentrums Gerhard-Kersting-Haus, Ute Herrmann.

Das Konzept „Radeln ohne Alter“ ist nicht neu. Alte und hilfsbedürftige Menschen sollen damit wieder Gelegenheit haben, den „Wind in den Haaren“ zu spüren, wie es im Slogan der Initiative heißt. Seinen Ursprung hat es in Kopenhagen. Inzwischen gibt es Initiativen in vielen anderen Städten Europas - auch in Berlin. Allerdings ist Essen die einzige Stadt, in der die Rikscha-Fahrer keine Ehrenamtlichen sind, sondern Langzeitarbeitslose.

Zwölf Monate sind die einzelnen Fahrer dabei, bisher ist das Projekt auf zwei Jahre angelegt. Ist das Wetter zu widrig und sind Ausflüge nicht möglich, werden die Senioren auf andere Weise unterhalten oder die Räder - allesamt mit Elektroantrieb verstärkt - gewartet.

Letzteres übernimmt mit Vorliebe Rikscharadler Klaus Potocnik. Als Baumaschinenführer war er schon in halb Europa unterwegs. Doch dann gab es für das Unternehmen, für das er gearbeitet hatte, immer weniger Aufträge für immer weniger Geld. „Und das Alter macht die Jobsuche nicht einfacher“, sagt der 58-Jährige. Büroarbeit komme für ihn nicht in Frage. „Ich habe mein Leben lang draußen gearbeitet, daher kommt meine Motivation für diese neue Aufgabe.“

Die bisher acht Rikscharadler erhalten 1,25 Euro Mehraufwandsentschädigung pro Stunde bei einer 30 Stunden-Arbeitswoche. Zusätzlich beziehen sie die Grundsicherung für Erwerbsfähige. „Gemeinnützige Arbeitsgelegenheit“ nennt sich das im Fachjargon, „Ein-Euro-Job“ im Volksmund.

Entsprechend ruft das Konzept zumindest die üblichen Hartz IV-Kritiker auf den Plan, die das Prinzip der Ein-Euro-Jobs grundsätzlich hinterfragen. Alle Beteiligten des Essener „Radeln ohne Alter“-Projekts betonen aber, die Maßnahme sei zumindest keine Konkurrenz zu Angeboten des allgemeinen Arbeitsmarkts. „Die Rikschas sind kein Taxi-Service“, heißt es.

Mit dem Konzept würden vielmehr mehrere Baustellen auf einmal angepackt, argumentiert Karsten Schwanekamp vom Projektträger, der Diakonie Essen. Die Radler erhielten eine berufliche Perspektive, Senioren würden mobiler und Essen werde beispielhaft zur „Grünen Hauptstadt Europas 2017“.

Konkret könnten sich Fahrer über das Projekt für verschiedene Arbeitsfelder qualifizieren: Altenpflege, Touristik sowie Fahrradtechnik- und -service, sagt Heike Schupetta vom JobCenter Essen, das die acht Stellen fördert.

Und wie schätzen die Fahrer selbst die Situation ein? Potocnik, der Technikbeauftragte der Gruppe, kann sich eine Zukunft in der Radbranche gut vorstellen. Vorsichtiger drückt sich ein Kollege aus: „Die Hoffnung ist, über die Tätigkeit Kontakte zu knüpfen, die zu einer festen Beschäftigung führen“, sagt Rikschafahrer Stefan Müller. Wie realistisch das sei, werde sich zeigen: „Von den Senioren kommt wunderbares Feedback - aber ob daraus ein Beruf wird?“

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